Die Babylonier.
77
des XI. S. nennt sogar Phönix , den Sohn des Agenor, der selbst Sohndes Neptun war, als Verfasser des ersten Buches über Philosophieder Zahlen (itsgl ri)v ccQi&iujTixriv <pi).oGo<pCav) in phönikischerSprache. 1 ) Theon von Smyrna im II. S. n. Ohr. lebend sagt: beiUntersuchung der Planetenbewegung hätten sich die Aegypter con-struetiver Methoden bedient, hätten gezeichnet, während die Chaldäerzu rechnen vorzogen, und von diesen beiden Völkern hätten diegriechischen Astronomen die Anfänge ihrer Kenntnisse geschöpft. 2 )Porphyrius, selbst in Syrien geboren und am Ende des III. S. schreibend,erzählt: von Alters her hätten die Aegypter mit Geometrie sich be-schäftigt, die Phönikier mit Zahlen und Rechnungen, die Chaldäermit den Lehrsätzen, die sich auf den Himmel beziehen. 3 )
Diese Ueberlieferungen bezeugen, dass man von einem hohenAlter der Rechenkunst in Vorderasien die Erinnerung bewahrt hatte.Ein Widerspruch gegen die andere Sage, die neben der Geometrieauch die Rechenkunst in Aegypten entstehen liess, kann uns in derBedeutung, die wir solchen Ueberlieferungen beilegen, nicht irremachen. War doch in der That auch dort eine Rechenkunst vielleichtgleich hohen Alters zu Hause, und steht doch der Sage, Abrahamhabe Rechenkunst und Astronomie aus Chaldäa nach Aegypten ge-bracht, die andere gegenüber, Belos, der Ahne eines lydischen Königs-geschlechtes, sei Führer ägyptischer Einwanderer gewesen. 4 ) BeideBildungen, die des Nillandes, die des Euphratlandes, waren uralt;beide standen in uralter Berührung; beide beeinflussten das spätereGrieclieuthum sei es unmittelbar, sei es mittelbar, und das Erfinder-recht, welches griechische Schriftsteller, je weiter wir aufwärts gehenum so ausschliesslicher den Aegyptern zuweisen, hängt wohl damitzusammen, dass Griechen in grösserer Zahl weit früher nach denHauptstädten von Aegypten , als nach denen von Vorderasien ge-langten. Diese letztere Gegend kann kaum vor dem Alexanderzugeals genügend bekannt betrachtet werden.
Spuren des babylonischen Sexagesimalsystems in den Ueberliefe-rungen aufzufinden, wird uns gleichfalls gelingen, wenn wir nurrichtig suchen. Wir werden nämlich hier nicht auf Aeusserungenganz bestimmter Natur fahnden dürfen, die Babylonier oder diePhönikier oder dieses oder jenes dritte Nachbarvolk seien Erfindereines Zahlensystems gewesen, welches nach der Grundzahl 60 fort-schritt; wir werden uns begnügen müssen, der Zahl 60 und ihren\ielfachen als Zahlen unbestimmter Vielheit zu begegnen. VonSammelwörtern zur Bezeichnung unbestimmter Vielheiten war in der
') Cedrenus, Compendium Historiarum (ed. Xylander). Paris , 1647,pag. 19. *) Theo Smyrnaeus (ed. Ed. Miller). Leipzig , 1878, pag. 177.3 ) Porphyrius , Be vita Pythagorica s. 6 (ed. Kiessling, pag. 12). J ) Dio-dor I, 28, 29.