102
Kapitel IV.
dichtet wurden, festgesichert, denn wenn auch nur eine nach unserenBegriffen zwecklose Spielerei mit Schwierigkeiten, Zufall kann esdoch nicht sein, dass die Verse dieser Lieder der Reihe nach mit denBuchstaben des Alphabets beginnen, darin eine entfernte Aehnlichkeitmit der ersten Verwendung des griechischen Alphabetes zur Num-merirung der homerischen Gesänge bietend, auf welche wir oben an-spielten. Noch eine andere Sicherung der Reihenfolge des hebräischenAlphabets gibt das sogen. Atlibasch, welches sicherlich der babylo-nischen Gefangenschaft angehört. 1 ) Es besteht darin, dass die22 Buchstaben in zw r ei Reihen geordnet über einander stehen, derletzte Buchstabe n über dem ersten n, der vorletzte c über demzweiten 2 u. s. w. Diese vier Buchstaben je zwei und zwei zusammen-gelesen lauten eben Athbasch. Der Zweck dieser Anordnung wareine Geheimschrift zu liefern, indem jedesmal statt eines eigentlichanzuschreibenden Buchstaben, der im Athbasch über' beziehungsweiseunter ihm stehende gesetzt wurde. Jedenfalls musste also damalsauch schon die gewöhnliche Ordnung der nämlichen Buchstaben er-funden sein. Wir sagen „erfunden“, denn bei der vollendeten Princip-losigkeit der Anordnung ist von einem inneren Gesetze derselben,welches nur entdeckt zu werden brauchte, gewiss keine Rede. Wardie Buchstabenfolge eine willkürliche, eine vielleicht erst nachträglicheiugeführte, nachdem die Buchstaben als solche bereits bestanden, soist vermuthlich wieder ein besonderer Akt der Erfindung notliwendiggewesen, um die geordneten Buchstaben mit Zahlenwertheu zu ver-sehen. Zwei Thatsachen stimmen namentlich zu dieser Vermuthung.Die eine, dass auf keiner der zahlreichen jdiöuikischen oder punischenInschriften, auf keiner Papyruskandsclirift sich je eine Spur eineralphabetischen Zifferrechnung gefunden hat 2 ); die andere, das noth-weudige Seitenstück zur ersten bildend, dass eine nichtalphabetischeZahlenbezeichnung der Phönikier bekannt ist.
Die Phönikier schrieben entweder die Zahlwörter aus, oder siebedienten sich gewisser Zeichen, die den Grundgedanken der Juxta-position, vielleicht wechselnd mit dem der Multiplikation, zur An-wendung brachten. 3 ) Eins bis neun wurde nämlich durch ebensovielesenkrechte Striche dargestellt. Zehn war meistens ein w r agrechterStrich, der aber auch in mehr oder weniger nach oben gekrümmteroder einen Winkel bildender Form vorkommt. Die Zahlen 11 bis 19wurden durch Juxtaposition eines Horizontalstriches mit Vertikal-strichen geschrieben, von welchen gemäss der von rechts nach links
') Herzog’s Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche VII,205 und XIV, 17. *) Diese Thatsache ist für Mathematiker zuerst bei Hanke 1
S. 34 hervorgehoben und damit ein lange Zeit fortgeschleppter Irrthum be-seitigt. s ) Ad alb. Merx, Grammatica Syriaca. Heft I. Halle, 1867. Tabellezu pag. 17.