Band 
Erster Band. Von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1200 n. Chr.
Entstehung
Seite
108
JPEG-Download
 

108

Kapitel IV.

Ziffernschrift betrifft. Vergleichen wir die älteren lierodianisclienZahlzeichen mit den späteren, für welche wir schon wiederholt denNamen alphabetischer Zahlzeichen gebraucht haben, so erkennen wirbei letzterem z^yji Uebelstiiude, die dem erstereu nicht anhaften. Esmussten jetzt mehr Zeichen und deren Werth dem Gedächtnisse an-vertraut werden, es musste auch das Rechnen eine viel angespanntereGedächtnissthätigkeit in Anspruch nehmen. Die Addition AAA -fA A A A = !7I AA (30 -j- 40 =70) konnte mit der HHH-j-HHHH==511 HH (300-)- 400= 700) in einen Gedächtnissakt zusammenschmelzen,sofern drei und vier Einheiten derselben Art zu fünf und zwei Ein-heiten gleicher Art sich vereinigten. Dagegen war mit X + g = onoch keineswegs t + u = ip sofort mitgegeben! Nur einen einzigenVorzug bot die neue Schreibweise der alten gegenüber, der sichzeigt, wenn mau die schriftliche Darstellung nach ihrer Raum-ausdehuung vergleicht. Man beachte z. B. 849, welches herodianischPhlHHA AAAP1III, alphabetisch mg0 aussieht. Jenes ist durchsichtiger,gewährt beim Rechnen die wichtigsten Vortheile; dieses ist uuver-liältnissmässig viel kürzer, und so werden wir auf diesem den Ver-muthungen allein preisgegebenen dunkeln Gebiete wohl kaum einenFehlgriff tliun, wenn wir die Meinung aussprechen, nicht Rechner,sondern Schreiber haben die alte breite Zahlenbezeichnung um derneuen willen im Stich gelassen, und weil es in der grossen Mengeder Bevölkerung mehr Schreiber gab als Rechner, die zugleich auchSchreiber waren, hat die neue alphabetische Methode so rasch undallgemein sich Eingang verschafft.

Wir sind mit diesen Bemerkungen bereits über die Besprechungdes Zahlenschreibens bei den Griechen hinausgegangen und zu derenZ ahle n rechnen gelangt. Wieder begegnen uns hier die beidenRechnungsverfahren, denen wir allgemein menschliche Verbreitungzuerkannt haben: das Finger rech neu und das Rechnen aufeinem Rechenbrette.

Spuren des ersteren sind mancherlei vorhanden. ') Es mag jazu weit gegangen sein für dasselbe auf eine Stelle des Herodot sichzu beziehen, wo einer an den Fingern die Monate abrechnet.'-') Auchdass in homerischer Sprache Rechnen scffi^ci^eiv, d. h. wörtlich „ab-füufen“ heisst, mag von geringerer Tragweite erscheinen. Aber eineStelle der Wespen des Aristophaues 1 *) bezeugt, dass man Ueberschlags-reelmungen an den Fingern auszuführen pflegte. Wie die Griechen alterZeit dabei verfuhren ist nicht bekannt. Die Wahrscheinlichkeit sprichtdafür, dass ähnliche Grundsätze der Fingerbedeutung gegolten habenmögen wie in späterer Zeit, aber eine Sicherheit liegt keineswegs vor.

') Stoy 1. c. S. 35 Anmerkg. 4, S. 44 Anmerkg. 3. *) Herodot VI, 63und 65. 5 ) Aristoplianie VeBpae 656.