114
Kapitel V.
schalt nach Hellas hinüber und Vieles entdeckte er selbst, von Vielemaber überlieferte er die Anfänge seinem Nachfolger; das Eine machteer allgemeiner, das Andere sinnlich fassbarer.“
Thaies von Milet 1 ), Sohn des Examios und der Kleobuline, auseinem ursprünglich pliönikischen Geschlechte stammend, wurde umdas 1. Jahr der 3». Olympiade, also um G40, geboreii und lebte nochim 1. Jahre der 58. Olympiade, d. h. 548. Er wurde also über 90Jahre alt, eine Berechnung, welche in vollem Einklang mit anderenAngaben ist, die ohne genaue Jahrgänge festzustellen ihn ein hohesAlter erreichen lassen. Eine ganze Menge von mehr unterhaltendenals wichtigen Geschichten knüpfen sich an seinen Namen. Aus den-selben scheint hervorzugehen, dass Thaies Kaufmann war, bald einenSalzhandel trieb, bald in Oelgeschäfte sich einliess, und dass er ver-muthlich auf diese Weise nach Aegypten kam. Einen ägyptischenAufenthalt bezeugt ferner die Bemerkung, Niemand sei dem Thaies Lehrer gewesen, nur während seines Verweilens in Aegypten habeer mit den Priestern verkehrt. 2 ) Ein drittes Zeugniss ist das der Pam-phile, einer Geschichtsschreiberin zur Zeit Neros, welche weiss, dassThaies in Aegypten Geometrie erlernte. 3 ) Die Belege könnten nochweiter bis zu fast beliebiger Anzahl vermehrt werden, so dass au derThatsache, Thaies sei in Aegypten gewesen und dort mit Geometriebekannt geworden, nicht wohl zu zweifeln ist 4 ), wenn auch zugegebenwerden muss, dass keines der Zeugnisse älter als das Mathematiker-verzeichniss zu sein scheint, und dieses eine höher liegende Quelleausser für eine einzige Angabe überhaupt nicht angibt. Nach seinerIleimath Milet kehrte Thaies in vorgeschrittenen Jahren zurück. „Erbefasste sich erst später und gegen das Greisenalter hin mit Natur-kunde, beobachtete den Himmel, musterte die Sterne und sagte öffent-lich allen Miletern voraus, dass am Tage Nacht eintreten, die Sonnesich verbergen und der Mond sich davor legen werde, so dass ihr
') Bretschneider S. 35—55. Allman, Greek geometry from Thaies to Duclid(Hermathena III, 164 — 174). Eine Monographie von Decker, De ThaleteMilesio, Halle, 1865 ist uns nur dem Titel nach bekannt. Hauptquelle ist Dio-genes Laertius. Die Familie des Thaies I, 1 nach Herodot, Duris und Demo-krit; seine Lebenszeit I, 10 nach Apollodor und Sosikrates und I, 3, wo bezeugtist, dass Thaies beim Ausbruche des Vernichtungskampfes zwischen Krösus undKyrus (548) noch lebte. 2 ) Diogenes Laertius I, 27. 3 ) Diogenes Laer-tius 1, 24. 4 ) Eine vortreffliche Zusammenstellung der Beweisstellen bei Zeller,
Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung I, 169, An-merkung 1 (3. Auflage, Leipzig , 1869). Wenn in diesem Werke — wir werdenes künftig nur als Zeller I citiren — dessen scharfe, mitunter vielleicht allzuskeptische Kritik mit Recht anerkannt ist, aus allen diesen Stellen die Ueber-zeugung gewonnen wird, der ägyptische Aufenthalt des Thaies sei möglich, so-gar wahrscheinlich, aber allerdings nicht vollständig erwiesen, so dürfen wirdiesen Ausspruch für unsere Meinung deuten.