12G
Kapitel VI.
es aber noch einen Mittelweg, den wir vielfach an der Hand des letztenBearbeiters 1 ) unseres Gegenstandes zu geben lieben, so weit über-haupt die Geschichte der Mathematik uns die Pflicht auferlegt überdie Streitpunkte ein Urtheil auszusprechen.
Ein derartiger Streitpunkt ist der A u fenth alt des Pythagoras in Aegypten , der von grösster Bedeutung für die ganze Ent-wicklungsgeschichte der griechischen Mathematik ist, wenn man anihn glaubt, jene Geschichte noch räthselhafter macht, als sie viel-fach bereits erscheint, wenn man ihn verwirft. Der älteste Berichtüber diesen Aufenthalt, um dessen Glaubwürdigkeit oder Unglaub-würdigkeit es sich begreiflicherweise in erster Linie handelt, stammtvon dem Redner Isokrates , dessen schriftstellerische Thätigkeit auf393, also höchstens etwa 100 Jahre nach dem Tode des Pythagoras und bevor die Mythenbildung sich seiner Persönlichkeit bemächtigthatte, fällt. Isokrates sagt von den ägyptischen Priestern 2 ): Mankönnte, wenn man nicht eilen wollte, viel Bewunderungswürdiges vonihrer Heiligkeit anfiihren, welche ich weder allein noch zuerst er-kannt habe, sondern Viele der jetzt Lebenden und der Früheren,unter denen auch Pythagoras der Samier ist, der nach Aegypten kam und ihr Schüler wurde und die fremde Philosophie zuerst zuden Griechen verpflanzte. Dieser Stelle ist mit entschiedenem Zweifelbegegnet worden' 1 ), der auf den Inhalt der Rede des Isokrates sichgründet. Busiris war eine ägyptische Stadt mitten im Nildelta ,in der grosse Isisfeste gefeiert wurden. In Erinnerung an diefrühere Abgeschlossenheit Aegyptens Fremden gegenüber hatte diegriechische Sage aber auch einen König gleichen Namens mit derStadt erdacht, der jeden Fremden schlachten liess. Zur Zeit derSophisten liebten die griechischen Rhetoren sich mit Redestückchengegenseitig zu iiberbieten, Lobreden auf Tadelnswerthe, Anklagengegen Vortreffliche zu verfassen. So hatte Polykrates eine Apologiejenes Busiris geschrieben, und nun wollte Isokrates dem Nebenbuhlerzeigen, wie er sein Thema eigentlich hätte behandeln müssen. Poly'-krates, meint er, habe darin gefehlt, dass er dem Busiris ganz un-glaubliche Dinge zugeschrieben habe, einerseits die Ableitung desNils, andrerseits das Auffressen der Fremden; dergleichen werde maubei ihm nicht linden. Wir lügen zwar beide, sagt er aufrichtiggenug, aber ich mit Worten, welche einem Lobenden, Du mit solchen,welche einem Scheltenden geziemen. Aus diesem Geständnisse hat
') A. Ed. Chaignet, Pythagore et la philosophie Pytltagoricienne contenantles fragments de Phildlaus et d’Archytas. Ouvrage couronne par l’institut.Paris , 1873. Wir citiren dieses Werk kurz als Chaignet. } ) Isokrates,Busiris cap. 11. 3 ) Die Zweifel sind hier theilweise wörtlich aus Zeller 259Note 1 entnommen.