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Erster Band. Von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1200 n. Chr.
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Kapitel VI.

Strabon meldet uns in nüchternem, einfachem und dadurch um soglaubwürdigerem Tone: Die Geschichtsschreiber theilen mit, Pytha-goras sei aus Liebe zur Wissenschaft nach Aegypten und Babylongegangen.') Antiphon, allerdings der Lebenszeit nach nicht ge-nauer bestimmt, aber von spätem Schriftstellern unter .Namens-nennung mit grosser Zuversicht benutzt, hat in seinen Lebensbe-schreibungen von durch Tugend sich auszeichnenden MännernAusführliches über den ägyptischen Aufenthalt des Pythagoras er-zählt. 2 ) Viel weniger Gewicht legen wir — von anderen Zeugnissenzu schweigen — dem bei, was ägyptische Priester ruhmredig demDiodor erzählten und was er uns mit folgenden Worten wiederholt:Die ägyptischen Priester nennen unter den Fremden, welche nachden Verzeichnissen in den heiligen Büchern vormals zu ihnen ge-kommen seien, den Orpheus, Musäus, Melampus und Dädalus , nachdiesen den Dichter Homer und den Spartaner Lykurg , ingleichenden Athener Solon und den Philosophen Platon . Gekommen seizu ihnen auch der Samier Pythagoras und der Mathematiker Eudoxus ,ingleichen Demokritus von Abdera und Oinopides von Ohios. Vonallen diesen weisen sie noch Spuren auf. 3 ) Diese altägyptischen Matri-kellisten mit sammt den aufgewiesenen Spuren sind an sich rechtsehr verdächtig, doppelt verdächtig durch Namen wie Orpheus undllomer, die dort eingetragen sein sollen. Wir haben die Stelle über-haupt nur aus einem, wie uns scheint, erheblichen Grunde mitgetheilt.Sie beweist nämlich, dass zu Diodors Zeiten um die dort genanntenMänner ein ziemlich gleicher Strahlenkranz von Berühmtheit sich ge-bildet hatte, der von ihnen auf die Lehrer, die sie hatten oder gehabthaben sollten, zurückstrahlt.

Die von uns angeführte Stelle des Strabon gibt auch Auskunftüber eine Studienreise des Pythagoras nach Babylon. Offen-bar genoss diese zur Zeit von Christi Geburt , das ist zur Zeit Strabons,einer hinreichend guten Beglaubigung, um als geschichtliche That-sache kurz erwähnt zu werden. Als sicher gestellt erscheint unsdamit so viel, dass Pythagoras in Babylon hätte gewesen sein können.Drücken wir uns deutlicher aus. Wir meinen, es müssen innerhalbder pythagoräischen Schule Lehren vorgetragen worden sein, welcheüberraschende Aehnlichkeit mit solchen Dingen besassen, denendas Griechenthum seit dem Alexanderzuge an dem zweiten Mittel-punkte ältester Kulturverbreitung neben Aegypten, in Babylon wieder-begegnete. Eine gegentheilige Annahme würde das Entstehen desGlaubens an die Sage von dem Aufenthalte bei den Chaldäern jeder

') Strabo XIV , 1, 16. J ) Als Bruchstück erhalten bei Porpliyrius, Devita Pythagorae cap. 7, auch bei Diogenes Laertius VIII, 3. 3 J Dio-dor I, 96.