Aelteste Rechenkunst und Feldmessung.
451
Varro etwa 51) bis 80 Jahre vor dem Anfänge der christlichenZeitrechnung, und von ihm aus begegnen wir dieser Ueberlieferungdurch Jahrhunderte.
Die Begrenzungen, von denen die Rede ist, sind sehr allgemeinerNatur. Demselben Grundgedanken gehorchend finden sie sich überall,wo es um gesetzliche räumliche Absonderung si<;h handeln kann, beider Anlage der Stadt wie des Lagers, bei der Vermessung des an-gebauten Landes, bei dem Grundrisse des bürgerlichen Hauses wiedes Hauses, als dessen Eigenthümer eine Gottheit gilt. Dieses letztere,der Tempel, führt sogar den Namen nach dem Abschneiden(rspveiv) aus dem umgebenden Grund und Boden, und ein templumist bis zu einem gewissen Grade jedes Grundeigenthum.') Wennauch der Begriff des Templum in der römischen Religion und allenmit ihr zusammenhängenden Verrichtungen eine massgebende Rollespielt, er hat sich gleichwohl so wenig aus dem des Heiligen, Gott-geweihten entwickelt, dass er sich mit diesem nicht einmal deckt.Eines der höchsten lleiligthümer in Rom , das der Vesta, war sogarkein Templum. Die städtische Anlage dagegen gehört unter dengenannten Begriff. Die italische Stadt nämlich entsteht nicht gleichder modernen und mittelalterlichen im langsamen Verlaufe der Zeitenvon einzelnen Häusern zum Dorf, vom Dorfe zur Stadt anwachsend.Sie wird auf einmal geschaffen durch eine einzige politisch-religiöseHandlung. Sie weiss ihren Gründer, ihr Gründungsjahr, oftmalsihren Gründungstag zu nennen, den man dann alljährlich als städtischesFest feiert.
Die Bedingung, welche nun solcher Absteckung von Grenzendie Gesetzmässigkeit verleiht, besteht darin, 2 ) dass der Gesichtskreisdurch zwei senkrecht zu einander stehende Gerade in 4 Tlieile ge-schnitten werde, und dass die Geraden ein für alle Mal die Richtungenfür die Seiten der rechteckigen Einzelgebilde abgeben, mögen Häuseroder Feldstücke, Zimmer oder Tempelräume diese Einzelgebilde sein.Die beiden Richtungen werden überdies nicht willkürlich ange-nommen, sondern sollen mit den Verbindungslinien der einandergegenüberliegenden Haupthimmelsgegenden übereinstimmen.
Wir erinnern uns, dass eine derartige Orientirung religiösenZwecken dienender Baulichkeiten uns auch an anderen Orten be-merklich wurde, dass wir (S. 13) zum Voraus ankündigten, wir würdenin der häufig vorkommenden Thatsache selbst keinen Grund erkenneneine Uebertragung von einem Volke zum anderen mit Nothwendig-
I, 27. [Unter dem Citate „Römische Feldmesser“ verstehen wir die Schriftender Römischen Feldmesser herausgegeben und erläutert von F. Blume, K. Fach-mann und A. Rudorff. Berlin , 1848 und 1852.] ') Nissen, Das Templum
S. 7, 8, 10, 55 und häufiger. 2 ) Agrimensoren S. 05 figg.
29 *