Band 
Erster Band. Von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1200 n. Chr.
Entstehung
Seite
452
JPEG-Download
 

452

Kapitel XXV.

keit annehmeu zu müssen. Wir finden es angemessen zusätzlichhier zu bemerken, dass eine solche Uebertragung für die altitalischenOrientirungen weniger als irgend sonst wo anzunehmen sein wird.Jedenfalls hat hier und nur hier der Orientirungsgedanke eine Ent-wicklung gewonnen wie sonst nirgend, hat er die Errichtung fastjedes Gebäudes, fast jeder Verbindung von Gebäuden in so folge-richtiger Weise, wie wir es schon andeuteten, beeinflusst. Nichtbloss ein einzelner Tempel, die römischen Gesetzen unterworfeneWelt war nach einem einzigen rechtwinkligen Coordinatensystemegeordnet, 1 ) und wir werden auf diesen Gedanken noch zurückzu-greifen haben.

Die Abscissenaxe des gemeinsamen Systems war die Ostwest-linie, dessen Ordinatenaxe die Südnordlini e oder Mittagsiinie.Allerdings zeigen die Trümmer von Tempeln, von Städteanlagen unddergleichen, welche man genauer auf ihre Lage zu prüfen noch nichtgar lange begonnen hat, nicht ganz unerhebliche Abweichungen vonder wahren astronomischen Mittagslinie. Es ist für unsere Zweckedurchaus gleichgiltig, ob diese Verschiedenheiten unabsichtlich, ob sieabsichtlich entstanden sind-, ob sie, wie man früher annahm, aus einemungeschickten Verfahren derer hervorgingen, welche die Richtungenbestimmten, oder ob, wie eine jedenfalls geistreiche und genauePrüfung verdienende Vermuthung es will, 2 ) die Richtung nach demPunkte des Sonnenaufgangs am Gründungstage des betreffendenTempels in der Abscissenaxe festgehalten werden sollte, einem Tage,der selbst keineswegs willkürlich angenommen wurde, sondern derjedesmalige Hauptfeiertag derjenigen Gottheit sein musste, welcherdas lleiligthum geweiht werden sollte.

Wir haben für die Grundrichtungen uns der ganz modernenNamen der Coordinatenaxen bedient. Den Römern hiessen dieselbenDecimanus und Cardo, offenbar sehr alterthümliche Namen, wie mangewiss mit Recht schon daraus gefolgert hat, dass als Abkürzung fürCardo stets ein K benutzt worden ist, ein Buchstabe, der der römischenSchrift im Uebrigen schon frühzeitig abhanden kam. Die Bedeutungvon Decimanus dürfen wir heute wohl nur als unbekannt be-zeichnen. 3 ) Wie die antike Ableitung des Wortes Decimanus voneinem selbst mehr als zweifelhaften duocere, zweitheilen, weil derRaum überhaupt in zwei Abtheilungen zerfällt worden sei, sprachlich

') Nissen, Das Templum S. 165: „Seit Augustus war der Culturkreis desMittelmeeres zu einem einzigen politischen Ganzen geschlossen worden; dasTemplum, welches einst auf den palatinischen Hügel beschränkt gewesen war,hatte sich ausgedehnt in immer weiteren Kreisen und anjetzt war das letzte undgrösste Templum constituirt worden.“ *) Diese Theorie ist von Nissen inseinem mehrerwähnten Werke über das Templum aufgestellt. 3 ) Vergl. Agrimensoren S. 66 mit Nissen, das Templum S. 12 und 27.