Die Blüthezeit der römischen Geometrie. Die Agrimensoren. 461
weit verdienstlicher Gedanke als damit in origineller Weise unterBeibehaltung der runden Körpergestalt der Erde ihre Abweichungvon der Kugelform gemuthmasst wurde; verloren ist allem Anscheinenach ein arithmetisches Werk Varros, Atticus sive de numeris, welchesVertranius Maurus, der eine Biographie des Varro geschrieben hat,noch im Jahre 1564 in Ilom gesehen haben will'); verloren ist auchein Werk aus 9 Büchern bestehend, de disciplinis, in welchem, wieman annimmt, encyklopädisch über die einzelnen Wissenschaften ge-handelt war, und welches somit das Urbild für viele ähnliche Sammel-werke abgab, die uns noch begegnen werden, aber selten mehr liefern,als einzelne fast nur zufällig verwerthbare Notizen. Die Reihenfolgeder neun Wissenschaften bei Varro war 1. Grammatik, 2. Dialektik,6. Rhetorik, 4. Geometrie, 5. Arithmetik, 6. Astrologie, 7. Musik,8. Medicin , 9. Architektur, und es ist zweifelhaft, ob nicht die obenerwähnte Geometrie als das hier genannte 4. Buch zu betrachten ist.Würde sich eine bei Plinius vorkommende Notiz 2 ) auf das 8. Buchbeziehen, so hätte Varro dieses Werk in seinem 83. Lebensjahre ver-fasst. Als ganz originell ist übrigens auch bei ihm die Zusammen-stellung nicht anzusehen, da die griechische Wissenschaft schon deuBegriff der freien Künste ausgebildet hatte, der jetzt in wechselnderZahl (meistens 7 artes liberales anführend) und in wechselnder Wahlder Gegenstände die ganze Folgezeit bis durch das Mittelalter hin-durch beherrscht. Ob freilich Varro , der römisch gesinnte Römer,seine Abhängigkeit von griechischen Mustern nicht theilweise zu ver-bergen suchte, w T ird schwerlich mehr zu ermitteln sein. Wir kamenzu dem Gedanken an diese Möglichkeit von der Erwägung ausgehend,dass es Varro vorzugsweise ist, der die Feldmesskunde der Römer aufetruskische Anfänge zurückgeführt hat.
Der nächste römische Schriftsteller, welchem tiefer gehendemathematische Kenntnisse nicht bloss in allgemeiner Weise zuzu-trauen sind, sondern aus dessen Schriften wir Belege dafür zuschöpfen vermögen, ist Vitruvius , der Verfasser von 10 Büchernüber Architektur, die vermuthlich im Jahre 14 v. Chr. vollendetwurden und dem Augustus zugeeignet sind. Das ist Alles, was überdie Persönlichkeit des Vitruvius mit Sicherheit gesagt werden kann.Sogar sein Beiname Vitruvius Pollio schwebt einigermassen inder Luft, indem der Verfasser eines Auszuges aus der vitruvisclienArchitektur, welcher uns denselben überliefert hat, eine selbst räthsel-hafte Persönlichkeit von ganz unbekanntem Zeitalter ist, der nur aussprachlichen Gründen meistens für dem Zeitalter des Vitruvius ziem-lich nahestehend und dem entsprechend glaubwürdig gehalten wird.