Band 
Erster Band. Von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1200 n. Chr.
Entstehung
Seite
479
JPEG-Download
 

Die spätere mathematische Literatur der Römer.

479

schienen theologisch-moralischen Betrachtungen den Platz zu räumen.Das geometrische Fragment 1 ) gibt sich selbst als dem XIV'. und XV. Buchedes Euklid entstammend an. Seine Nummerirung ist aber keineswegsmit der gebräuchlichen gleichlaufend. Als XIV., als XV. Buch dereuklidischen Elemente bezeichnet man bekanntlich (S. 309) jene vonzwei verschiedenen Schriftstellern herrührenden stereometrischen Ab-handlungen, welche, man weiss nicht recht wie und wann, an diedreizehn Bücher der Elemente angehängt worden sind. Diesen Ab-handlungen gleicht das lateinische Bruchstück nicht im Geringsten.Ohne Satz für Satz und Figur für Figur mit dem griechischen Euklid-texte zur Deckung gebracht werden zu können, ist es doch unter allenUmständen den echt euklidischen mit Stereometrie sich beschäftigen-den Büchern, dem XII. und XIII. Buche unserer griechischen Texteentnommen. Es ist entweder Auszug, oder Uebersetzung eines Aus-zuges, jedenfalls Arbeitsexemplar des Unbekannten, von welchem esherrührt, wie der Entzifferer mit grossem Scharfsinne aus der Tliat-sache geschlossen hat, dass einzelne Wörter durchstrichen und durchanders lautende Synonyma ersetzt sind. Das kann selbstverständlichnur auf den Schriftsteller, beziehungsweise den Uebersetzer selbstzurückgeführt werden, und zwar in einer Zeit, in welcher seine Arbeitnoch in Vorbereitung, noch nicht abgeschlossen war.

Die andere Seite unserer zum Schlüsse des vorigen Kapitels aus-gesprochenen Behauptung, dass das Verständniss der aus Griechen-land überkommenen mathematischen Kenntnisse der Römer mehr undmehr schwand, findet gleichfalls Bestätigung, wenn wir die Mager-keit uns betrachten, zu welcher im Laufe der Jahrhunderte dierömische Mathematik zusammenschrumpfte.

Theodosius Macrobius, ein vielleicht aus Afrika stammen-der Schriftsteller, von welchem uns Commentare erhalten sind, 2 ) dieum 400 entstanden sein dürften, und in welchen hier und da zer-streut auch einige mathematische Erläuterungen Vorkommen, ist nochbei Weitem der dürftigste nicht. Wir denken auch nicht an denkurz vor oder nach 457 entstandenen Calculus des Victorius, dessenNothwendigkeit wir oben (S. 450) eingesehen haben, begründet inder Schwierigkeit mit den römischen Duodecimalbriichen Rechnungenauszuführen. Wir denken zunächst an Martianus Mineus FelixCap eil a. Er war in der ersten Hälfte des V. S. in Karthago ge-boren und stieg bis zur Würde eines römischen Proconsuls empor.

’) Der Entzifferer, Prof. W. Studemund, hat längst eine Herausgabe zuge-sagt. Unser Bericht entstammt den mündlichen Mittheilungen, welche er sofreundlich war, unter Vorzeigung seines vorbereiteten Materials uns zu machen,und deren Veröffentlichung er uns gestattet hat. 2 ) Macrobius , Opera (ed.v. .lau) Quedlinburg und Leipzig , 1848 — 52 ,