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Kapitel XXVII.
diesem Fürsten trat Cassiodorius in die Stellung eines Geheim-schreibers, iiusserlich genommen Tlieodorichs Dolmetscher, in Wirk-lichkeit sein einflussreicher Rathgeber. Die vielseitigen, nennauch nicht überall tiefen Kenntnisse des Ministers — alssolchen dürfen wir ihn vielleicht bezeichnen — machten ihn demKönige unentbehrlich, sowohl in den Geschäften der Regierung, alsin den verschiedensten Privatbeziehungen, und erst der Tod Theo-dorichs 526 löste das Band, welches Gewohnheit und gegenseitigeZuneigung um beide Männer geschlungen hatte. Auch unter denNachfolgern Tlieodorichs blieb Cassiodorius, so verhasst ihm Persön-lichkeiten und einzelne Handlungen oft sein mochten, der gothischenBache getreu, um von dem Staatshaue seines königlichen Freundeszu retten, was noch zu retten war. Man besitzt Staatsschriften von538, die Cassiodorius unterzeichnet hat. Am Hofe erlebte er nochden Ausbruch des Krieges gegen die Byzantiner, und erst 540 etwa,nachdem Ravenna schon in Beiisars Händen war, zog Cassiodoriussich in das von ihm selbst gestiftete Kloster in seiner Heimath zu-rück, dort eine reiche literarische Thätigkeit zu entfalten. Cassio-dorius war einer der Ersten, welche dem Beispiele folgend, das Bene-dict von Nursia in seinem 529 zu Monte Casino bei Neapel gestifteten Kloster so segensreich aufstellte, dem klösterlichen Lebeneinen anderen Inhalt als den der blossen Zurückgezogenheit und Be-schaulichkeit gaben. Eine Bibliothek entstand, lernende und forschendeThätigkeit entfaltete sich. Das Theologische stand naturgemäss oben-an, aber auch die weltlichen Wissenschaften, als nützliche Vorbe-reitungsschule zu Höherem, wurden keineswegs vernachlässigt. Tagund Nacht wurden von emsigen Händen in schönen Zügen Schriftenvon mitunter zweifelhaftem mitunter wirklichem Werthe zu Perga-ment gebracht. Preist doch Cassiodor im 30. Kapitel seines BuchesDe institutione divinarum Uterarum das Biicherabsehreiben als die ver-dienstlichste körperliche Arbeit in begeisterten Worten, hat er dochLampen eigener Art für die Nachtarbeit erfunden, Sonnen- undWasseruhren aufgestellt, um Zeit und Thätigkeit zu ordnen. Dasser aber im Fleisse sich von Keinem seiner Untergeordneten übertreffenliess, beweist neben anderen Schriften eine Abhandlung über Ortho-graphie, welche er bereits 93 Jahre alt noch verfasst hat. Es ist an-zunehmen, dass diese seine letzte Arbeit war und dass er um 570 ge-storben ist. Cassiodorius hat 12 Bücher Briefe ') Unterlassen, auswelchen auch für die Geschichte der Mathematik unterschiedlicheNotizen «rewonnen worden sind. Tlieils sind es unveränderte Ah-Schriften früherer staatlicher oder privater Schreiben, welche Cassiodorfür Theodorich zu fertigen hatte, tlieils neue Redaktionen solcher
') Variarum (epistolarum) libri XII.