Band 
Dritter Band. D bis E.
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64 Darstellung

Sinnen hinstellen; denn diese Künste bringen Gestalten im eigentlichen Sinnehervor. Diese sinnlichste Vergegenwärtigung vermag keine von den übrigen Kün-sten zu erreichen. Gleichwol sollen und dürfen auch sie der sinnlichen Vergegenwär-tigung nicht entbehren, ja neuere Kunstkheoristen murhcn ihnen sogar auch pla-stische (rein objective) Darstellung zu. Wie wird dies anders möglich sein alsdurch Täuschung? Freilich nicht eine solche Täuschung, daß wir etwas Falsches fürwahr, oder etwas Wahres für falsch hielten, sondern eine solche, wodurch unsereVorstellungen uns wirkliche Dinge zu sein scheinen, wodurch wir etwas in uns alsetwas außer uns Befindliches betrachten, und Bilder, die wir selbst schaffen, durchdie Sinne wahrzunehmen glauben.Es gibt", sagt Klopstock ,wirkliche Dingeund Vorstellungen, die wir uns davon machen. Die Vorstellungen von gewissenDingen können so lebhaft werden, daß diese uns gegenwärtig und beinahe dieDinge selbst zu sein scheinen. Diese Vorstellungen nenne ich fast- wirkliche Dinge.Wer sehr glücklich oder sehr unglücklich, und lebhaft dabei ist, der wird wissen, daßihm seine Vorstellungen oft zu fast-wirklichen Dingen geworden sind. Wie dieserdie Gegenstände sich selbst darstellt, so stellt sie der Dichter Andern dar. DerZweck der Darstellung (besser: die Wirkung) ist Täuschung. Die Darstellungdes Dichters ist täuschender als die des zeichnenden Künstlers. Der Sinn ent-scheidet bei der letzter», und dieser untersucht das Gesehene, weil er länger daranhaftet, genauer, als der Geist das Gedachte, und kann daher leichter entdecken,daß er getäuscht wird". Nach der beherzigenSwenhen Bemerkung, daß nicht alleGegenstände darstellbar seien, spricht Klopstock von den Mitteln der Darstellungin der Poesie. Er zählt folgende auf, von denen, der Beschaffenheit oder demInhalt gemäß, mehr oder weniger beisammen sei» können. 1) Zeigung des Le-bens, welches der Gegenstand hak; 2) genau wahrer Ausdruck der Leidenschaft;3) Einfachheit und Stärke; 4) Zusammendrüngung des Mannigfaltigen; 5) dieWahl kleiner und doch vielbesiimmender Umstände; 6) die Stellung der Gedanken,daß jeder da, wo er steht, den tiefsten Eindruck macht; 7) Innerlichkeit oderHer-aushebung der eigentlichen innersten Beschaffenheit der Sache; 8 Ernst. DerDichter hat eine solche Überzeugung von der Wahrheit und Wichtigkeit seiner Ge-genstände, daß man sieht, er rede vielmehr um ihretwillen als aus Neigung zugefallen, und er nimmt herzlichen Antheil an Dem, was erjagt, Die weitere Aus-führung goldene Worte! lese man bei ihm selbst (Über Lprache undDichtkunst", Hamb. 1M9, S. 243 fg.). Zum Schluß theilt er noch 2 Bemer-kungen mit, die wir, um der Federung der-Totalität und Idealität willen, mit-theilen:1) Auch die beste Darstellung in diesem und jenem Theile eines Gedichtsverliert etwas, manchmal nicht wenig, von ihrem Eindrucke, wenn das Ganzenicht durch Wahrscheinlichkeit, Ebenmaß, Abstechendes, gehaltenen Haupttonund Zweck ein schönes Ganzes ist. Ein solcbeS Ganzes stimmt die Seele für dieWirkungen des dargestellten Einzelnen, und erhält sie in dieser Stimmung.2) Wenn der Dichter, die Wagschale in der Hand und mit dem reinen Gefühledes Eindrucks, den er hervorbringen will, von dem Angeführten immer so viel, unddies in so genauen Abstufungen vereint, als der jedesmaligen Beschaffenheit der Ge-genstände gemäß ist, so erhebt er seine Darstellung bis zuni Vollendeten". Werdiese Auseinandersetzung des großen Künstlers und Kenners gehörig erwägt, demwird es leicht sein, den Grund zu finden, warum man in der Poesie gewisse Artenvorzugsweise die darstellenden nenne, linker den darstellbaren Gegenstän-den behaupten die den ersten Rang, welche viel Handlung in sich begreifen; aberHandlungen lassen sich auch ganz eigentlich darstellen. Daher die Dichlungsarten,welche Handlungen oder Ereignisse zum Gegenstände haben, vorzugsweise darstel-lende heißen. (S. Poesie.) Die besondere Anwendung auf die Kunst desSchauspielers ergibt sich nun von selbst; der Schauspieler hat darstellende Poesie