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Deutsche Medicin und Chirurgie
nur höcbst behutsam und eingeschränkt anzuwenden sei. Mögen Irritabilität undSensibilität immerhin in den Büchern und auch so lange am Krankenbette alsGrundkräfte des Lebens und als Angeln, um die die ganze Pathologie sich dreht,angesehen werten, bis die Krankheit selbst andre Induktionen fodert, als hier dieSensibilität, dort die Irritabilität zu erhoben oder abzustumpfen: was soll manaber sagen, wenn wanden Lehrer auf dem Katheder seinen Schülern vorsagen hört:„DieVernunft liegt am Wasserstoffpole", welchen curiosenAuSspruch einst terVer-sasser, mit mehren ganz ähnlichen, erstaunt aus einer unserer berühmtesten Univer-sitäten gehört hat! Man würde lachen über jene Verirrungen, gälte es nicht hierdie Kunst, die das Menschenleben zu ihrem Zwecke hat, gälte es nicht die Ehre deut-scher Wissenschaft! Denn das eben war die unausbleibliche Folge, diejene Schwär-mer herbeiführten, daß das Ausland, so wenig vertraut mit unserer spräche undArt, nun glaubt, die ganze deutsche Gelehrtenrepublik lebe und webe in dem Nebeldieser nwstisch-poetischen Philosophie, und, um bei unserm Thema stehen zu blei-ben, mit der deutschen Medicin sei es aus einen Punkt gekommen, wo es stet, kaun»mehr lohne, sich danach umzusehen, was seht die deutschen Ärzte leisteten! Manlese nur, was unaufhörlich die besten französischen und englischen Zeitschriften »nSin dieser Hinsicht vorwerfen, und man verurtheile die Llusländerimmerhin, dafisieda« Kind mit dem Bade verschütten, aber man sei auch ferner, zur Ehre unsererdeutschen Medicin, nicht so gleichgültig gegen jene Ultratheoretiker und Schwärmer,auf daß das Ausland einsehe, wie der größere und gesundere Theil der teutschenÄrzte über jene Tendenz denkt und spricht. Die Bearbeitung unserer psychischenKrankheitskunde haben wir ferner für unsere Behauptung angeführt, und wer indiesem Felde heimisch ist, wird uns, denken wir, nicht geradezu widersprechen.Statt daß Engländer und Franzosen in den großen Irrenanstalten ihrer Hauptstädtemit unermüdlicher Sorgfalt immer wieder durch die Fackel der pathologischen Ana-tomie das dunkle Gebiet der Geisteskrankheiten zu erhellen strebten, stellte sich derphilosopbirende Deutsche auf den Standpunkt der Metaphvsik und meinte von daaus die Sphinx zu stürzen. Daher auch die Erscheinung, die wir bei unsern Nach-barvölkern nirgends fanden, daß bei uns Philosophen von Fach, also Laien in derArzneikunde, dreist ihr Urtheil in den Verhandlungen über psychische Krankheitenabgeben, wobei aber die deutsche psychische Heilkunde Namen auszuweisen hat, wieReih Hoffbauer, Greding , Meckel, Horn, Nasse, Heinroth u. A., die wir stolzausländ sehen Autoritäten gegenüberstellen dürfen. — Was sollcn wir endlich überdas vielbesprochene Thema voin thierischen Magnetismus sagen? Uns über diesesAgens auszubreiten, ist hier nicht der Ort, daß der Magnetismus aber neuerdingsvon Deutschland wieder ausgegangen, und in seinem Geburislande wie nirgends,selbst Frankreich nicht ausgenommen, gehegt und besprochen worden sei, darübersind alle Parteien einverstanden, wenn uns eine derselben auch nicht den Zusammen-hang duftr Thatsache mit der behaupteten Neigung der deutschen Medicin zur ex-centrischen Physik zugeben dürfte.
Wir haben mir der Schattenseite der deutschen Medicin begonnen, und wen-den uns zu ihrer, hoffentlich überwiegenden und glänzenden Lichtseite. Das Aus-land ist längst gewöhnt, unser Vaterland das gelehrte Deutschland zu nennen, undwie Gründlichkeit und Gelehrsamkeit der Charakter deutscher Wissenschaft überhauptist, so ist sie auch, vorzugsweise vor allen andern Nationen, der der deutschen Arz-neiwisscnschaft. In keinem einzigen Lande der Welt zählt die Gelehrsamkeit so vieleSchulen als in Deutschland , das seit der Entstehung der Universitäten bis heutemit 44 Hochschulen auftritt, während das übrige Europa zusammen nur 8gzählt. Wenn der rühmliche Wetteifer, den viele unter den deutschen Univer-sitäten und Staaten unter einander stets rege erhalten, gewiß nicht wenig dazubeigetragen hat, die Wissenschaften so sehr zu hebe», als es in Deutschland seit je