Band 
Dritter Band. D bis E.
Seite
294
JPEG-Download
 

294

Diogenes (von Apollonia)

gen das Sittenverderbniß seiner Zeit, sondern er trieb zugleich die eigne Anwendungseiner moralischen Lehren bis auss Äußerste. AntisthcneS'S finsterer Ernst mißfiel;D. hingegen verstand mit Heiterkeit und Witz seinen Zeitgenossen ihre Thorheitenzu zeigen, und war daher geschickter, ein Sittenlehrer des großen Haufens zu sein,so wenig er auch in der That besserte. Zugleich wußte er s. Grundsatz, alles Entbehr-lichen sich zu entäußern, auf die ungezwungenste Art anzuwenden. Er lehrte, der'Weis« müsse, um glücklich zu sein, sich unabhängig vorn Glücke, von den Menschenund von sich selbst zu erhalten suchen; zu dem Ende müsse er Reichthum, Ansehen,Ehre, Künste und Wissenschaften, und alle Annehmlichkeiten des Lebens verachten.Er selbst wollte seinen Zeitgenossen ein Muster cvnischer Tugend sein. Daher un-terzog er sich den härtesten Prüfungen und riß sich von jedem Zwange los. Oftkämpfte er mit dem Hunger, befriedigte ihn mit den schlechtesten Speisen, beflißsich, selbst bei Mahlzeiten, wo der größte Überfluß herrschte, der strengsten Enthal-'samkeit, und streckte s. Hqnd auch wol zu einem Almosen aus. Am Tage ging erohne Schuhe, ohne Rock, mit einem langen Barte, einen Stock in der Hand undeinen O.uersack auf der Schulter, in Athen einher; Nachts ruhte er in einer Tonne,wiewol man dies bezweifelt hat. Allen Ungemächlichkeiten der Witterung bot erTrotz und ertrug Spott und Schimpf des Volks mit der großen Ruhe. Seinenhölzernen Becher warf er, wie man erzählt, als ein entbehrliches Geräkh fort, daer einen Knaben mit der Hand Wasser schöpfen sah. Nie schonte er die Thorheitender Menschen; unerbittlich sprach er gegen alle Laster und Mißbräuche, und bet ientesich dabei der Satvre und der noch furchtbarern Ironie. Das Volk und selbst dieGebildeten hörten ihn gern und versuchten ihren Witz an ihm; merkten sie aberseine Überlegenheit, so gingen sie oft in Beleidigungen über, die ihn jedoch wenigaußer Fassung brachten. Oft machte er ihnen Vorwürfe über Ausdrücke und Hand-lungen, welche die Schamhaftigkeit empörten, und es ist daher nicht glaublich, daßer sich der Ausschweifungen schuldig gemacht habe, welche seine Feinde ihm Schuldgaben. Sein unanständiges Betragen beleidigte mehr den Welrbrauch als die mit-ten, doch sind viele Anekdoten von diesem Sonderling erdichtet. Auf einer Reisenach der Insel Ägina wurde er von Seeräubern gefangen und als Sklave nachKreta an den Kormrher LeniadeS verkauft. Dieser ließ ihn frei und übertrug ihmdie Erziehung seiner Kinder. Sein neues Geschäft verwaltete er mit der größtenSorgfalt und lebte im Lommer gewöhnlich zu Korinth, im Winter zu Athen .Am erstem Orte war es, wo Alelander, der mit seinem Gefolge zur Staatsversamm-lung ging, ihn an der Landstraße in der Sonne gelagert fand, und verwundert überdie Gleichgültigkeit, mit welcher der zerlumpte Bettler seiner nicht zu achten schien,sich in ein Gespräch mit ihm einließ, und ihm zuletzt die Erlaubniß gab, sich eineGnade auszukitten. „Ich verlange weiter Nichts", antwortete der Philosoph, „alsdaß du mir aus der Sonne gehest". Erstaunt über diesen Beweis höchster Genüg-samkeit, soll der König ausgerufen haben: „Wäre ich nicht Alexander, so wünschteich Diogenes zu sein". Ein ander Mal ging er am hellen Mittage mit einer Laternein Athen . Auf die Frage, was er suche, antwortete er: „Ich suche Menschen".Bei den Spartanern glaubte er die meiste Anlage zu solchen Menschen zu finden,wie er sie wünschte. Daher sagte er einst: „Menschen habe ich nirgends gesehen,aber doch Kinder zu Lacedämon". Welches ist, fragte man ihn einst, das gefähr-lichste Thier? „Unter den wilden Thieren", antwortete er, „ist eS der Verleumder,unter den rahmen der Schmeichler". Er starb, 324 vor Ehr., in einem hohen Alter.Als er die Annäherung seines Todes merkte, setzte er sich in der Straße nach Olym-pia nieder, wo er vor den Augen der herbeiströmenden Menge mit echt philosophi-scher Ruhe starb. — Ein früherer Philosoph d. N., Diogenes von Apol-lonia , gehört zur ion. Schule. Er hielt di> Luft für den Urstoff und erklärte auchdas geistige Leben aus dem Athmen. Er le^te im 5. Jahrh, vor Chr. in Athen . —