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Die Bedeutung der Eisenbahnen für den deutschen Zollverein mit besonderer Rücksicht auf Württemberg / von J. Mährlen
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Fortschritt beider lebendig erhält. Auf jenen rauhen Pfaden versam-melten sich die Stämme eines- Volks zu nationalen und religiösenFesten, auf welchen das Band der Einheit sich immer fester knüpfte;und wie die Flüsse, deren Laufe von jeher die Verbreitung der Men-schen und die Bildung geselliger Vereine folgte, so zogen auch siemenschliche Ansiedlungen an. Die alten Karavanenstraßen wirktenwie ein Magnet aus die Bevölkerungen, welche sich zu ihnen heran-drängten; mächtige und reiche Städte verdankten ihnen ihre Entste-hung und erblühten an Orten, welche der Verkehr berührte. Selbstin die Wüste trugen sie Leben, und noch heute sind nur diejenigenOasen bewohnt, über welche die Straße der Reisenden hingeht. Aufihnen wanderten die Ideen, wie Wgaren, von Land zu Land, drangdas Licht des östlichen Asiens schon frühe nach Westen vor, wälztensich die Heere vorwärts, welche Jahrhunderte lang aus den uner-schöpflichen Menschenmagazinen Hochasiens sich ergoßen, die Nie-derungen bevölkerten, oder entnervte Staaten erdrückten und neuelebenskräftige an deren Stelle erschufen. So förderten sie mächtigdie geistige Bildung und den geistigen Fortschritt. Denn die Ver-nunft entwickelt sich nur durch Reibung des Geistes am Geiste; derisolirte Mensch bleibt ewig in dumpfen, thierischen Zuständen befan-gen, aus denen ihn selbst die Natur mit all ihren Wundern nichtzu reißen vermag. Nur Geister erlösen Geister, und die Blüthe derMenschheit entfaltet sich nur im geselligen Verein und Verkehr.

Lange mochte sich ein Volk mit jenen kunstlosen Wegen begnü-gen, aber nicht länger, als bis es einen gewissen Grad nationalerLebenskräftigkeit erreichte und seine Verrichtungen politisch organistrte,d. b. zum Staat wurde. Die Geschichte kennt kein Volk, das, aufdieser Stufe angelangt, die Wichtigkeit künstlicher Verkehrsmittel nichtgewürdigt und diese Würdigung durch entsprechende Werke bethätigthätte; sie bezeugt aufs bestimmteste die Reaktion dieser Anstalten aufden materiellen und moralischen Wachsthum der Nation, so zwar,daß dieser um so rascher und kräftiger gefördert erscheint, je zweck-mäßiger die Verkehrsmittel eingerichtet sind.

Ich finde überall, daß die Gründer großer Reiche zugleich dieersten Gründer großer Verkehrsanstalten waren. Der erste HerrscherChina's (2698 v. Chr.) legt, nachdem er das Reich in Provinzen,Bezirke rc. getheilt, Straßen an, durchschneidet und ebnet Berge, er-baut Brücken, um den Verkehr zu erleichtern. Sein Nachfolger setztdiese Werke fort und von diesem Augenblick an begegnet uns inder ganzen Geschichte dieses merkwürdigen, durch die Nüchternheit sei-ner Weltanschauung, durch seine Wissenschaften und Lebenskünste demCharakter des europäischen Menschen am nächsten verwandten Vol-kes kein einziger großer und guter Fürst, der nicht die Ueberzeugunggehabt hätte, daß Denkmale, dem friedlichen Verkehr eines Volkeserrichtet, so gut einen unsterblichen Nachruhm zuwegebringen, alsLorbeere, durch KriegSthaten errungen. Das Netz von Landstraßen,