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Die Bedeutung der Eisenbahnen für den deutschen Zollverein mit besonderer Rücksicht auf Württemberg / von J. Mährlen
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9
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m Italien hatte es als'industrieller Hebel gewirkt; in den erobertenProvinzen war es ein Mittel gewesen, großen Armeen den Einmarsch,den einzelnen Garnisonen ihre Verbindung unter einander zu erleich-tern und so die Völker in Knechtschaft zu erhalten. Als Werkzeugdes Kriegs und der Unterjochung war es daher im Auslande überallein Gegenstand des Hasses und der Verwünschung, und wenn esda, wo es später theilwcise fortbestand, auf Verkehr und GesittungWohlthätig einwirkte, so ist dieß nur ein Beweis für die Wahrheit,daß, welchen Zweck mau auch mit Verkehrsmitteln verknüpfen mag,der effektive Erfolg: Förderung der friedlichen Künste und der Kul-tur, selbst unter den scheinbar widersprechendsten Umständen, sich nichtvereiteln läßt.

Man wundert sich, daß nur wenige alte Völker die national-ökonomische Wirksamkeit der Straßen begriffen, da doch eine Ver-gleichung der blühenden Küsten- und Stromgebiete mit dem Zustandederjenigen Länder, welche der Schiffahrt entbehrten, jene Reflexionhätte nahe legen sollen. Die Antwort ist: daß jede Epoche ihreherrschende Leidenschaft auszutoben hat, und daß die des AlterthumsEroberung, Unterdrückung, Feindschaft der Völker war. Die ersteBedingung des Landvcrkehrs ist aber Sicherheit; leichter entzieht sichdas Schiff auf dem Herren- und bahnloscn Meere seinen Verfolgernund wirft seine Schätze auf die fernen und friedlichen Märkte, alsdie Karavane, die auf festbestimmten Linien sich bewegen muß. Da-her sind die reichsten Handclsvölker des Alterthums Seestaaten.

Die italienischen Städte hatten ihre Landstraßen unter allenStürmen, die über Italien ergangen, nie ganz verloren, und erfreu-ten sich fortwährend der Wohlthaten eines erleichterten Verkehrs.Oberitalien fügte den Landstraßen schon im Uten, 12ten und 13tenJahrhundert Kanäle hinzu, welche Holland im 12ten Jahrhundertzu bauen anfing. Landwirthschaft und Gewerbe erblühten, reicheStädte erstanden, die Bevölkerung mehrte sich. Es ist bekannt, daßdie Industrie des Abendlandes im Pothal, in Flandern und Brabantihre ersten Sitze aufschlug. Frankreich ahmte unter Ludwig XIV. ,England erst im vorigen Jahrhundert hierin nach, und zwar mitsolchem Nachdruck, daß nach sechsundvierzig Jahren (1759 bis 1815)bereits eine Strecke von mehr als 2960 engt. Meilen mit Kanälenbedeckt war während Nordamerika die Hälfte dieser Ausdehnungin 25 Jahren baute. Auch in den Landstraßen leuchteten Italien und Holland vor; Frankreich folgte, dann England, dann Deutsch­ land . Einzelne gute Straßensti ecken besaß die Hanse; sie wirktenmächtig auf den Verkehr und auf die Produktion der Gebiete, welchesie durchzogen; allein sie waren von zn kurzer Erstreckung. Aucheinige süddeutsche Handelsstädte besaßen einzelne Trakte, auf welchensich Frachtwagen bewegen konnten. Im Allgemeinen geschah derTransport, bis ins vorige Jahrhundert hinein, noch auf Lastthieren.Für einen ziemlichen Theil des JahrS waren die meisten Städte