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Die Bedeutung der Eisenbahnen für den deutschen Zollverein mit besonderer Rücksicht auf Württemberg / von J. Mährlen
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und Gemeinden für einander so gut als abgesperrt. Der Bauerkonnte nur bei ganz trockener Witterung oder bei Schneebahn eswagen, Getreide auf einen etwas entfernten Markt zn führen. JnrSommer bediente man sich gern des Bettes eines kleinen Baches,um darin zu reisen. Es gab eine Klasse von wandernden Krämern,die mit ihren Packpferden von einem Ort zum andern zogen unddie am meisten begehrten Artikel führten: Salz, Geschirre, Metall-waaren, Kleidungsstoffe rc. Sie transportirten ihre Waaren inSäcken, die auf beiden Seiten des Pferdes herabhingen. SchwerereWaaren transportirte man auf Karren, und man war zufrieden, perTag st Stunden zurücklegen zu können. Die ehemals so häufigen,ja fast alljährlichen Fälle von Hungersnoth in irgend einer Gegendvon Deutschland sprechen lauter als alle historischen Nachrichten überden Zustand des früheren Transportwesens. Wie wollte ein vomMißwachs getroffenes Land sich vom Nachbarlande genügend versor-gen, da es Gemeinden, deren Fruchtsegen Hagelschlag vernichtet halte,schwer wurde, ihren Bedarf von benachbarten zu beziehen? Wohersollte der Landwirth den Antrieb nehmen, mehr zu bauen, als er fürsich und den Gutsherrn nöthig hatte, da ihm das Mittel fehlte, seineErzeugnisse bequem zu Markte zu bringen? Wundert man sich, wennman so viel von ansteckenden Krankheiten liest? wenn die Bevölke-kerung so dünn war?

In Süd-Deutschland ließ sich um die Mitte des vorigen Jahr-hunderts der schwäbische Kreis die Einführung besserer Straßen an-gelegen seyn, und 1753 wurde die erste Kunststraße zwischen Nörd-lingen und Oettingen ausgeführt. Ein verbessertes System brachteDarmstadt und Würtemberg auf, so daß Napoleon sich dieser Anla-gen als Muster für Frankreich bedient haben soll. Ueberhaupt be-ginnt für den größten Theil des Kontinents mit dem Wirken diesesMannes eine neue Epoche in der Geschichte des Straßcnwesens, fürwelches Frankreich und England technische Muster aufstellten. Werwollte alle Veränderungen aufzählen, welche an den successivenEntwicklungsgang dieser Verkehrsanstalten sich knüpfen? alle Ein-flüsse, welche der ökonomische und soziale Zustand der neueren Staa-ten durch sie erfahren hat? alle Wohlthaten, die in so unendlicherMannigfaltigkeit sich ergießen, daß sich kaum ein Verhältniß desgeselligen und gewerblichen Lebens denken läßt, welches durch sienicht berührt würde? Gewohnt, frei und bequem nach allen Rich-tungen zu verkehren, fällt es uns nicht ein, zu untersuchen, was wiran ihnen haben; die Sache scheint uns so natürlich, so alltäglichwie die Lust, die wir einathmen. Jezt, da dem Verkehr ein Hülfs-mittel der außerordentlichsten Art zn Theil.geworden ist, erwacht un-ser Nachdenken beim Anblick seiner staunenswcrthen Leistungenund doch geben E.B.B., im Verhältniß zum jetzigen Systeme, demVerkehr nur neue Werthzusätze. Ich schicke mich an, diese ausein-anderzusetzen.