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Die Bedeutung der Eisenbahnen für den deutschen Zollverein mit besonderer Rücksicht auf Württemberg / von J. Mährlen
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tireu. Europa bat noch mehrere Staaten, die, wie man zu sage"pflegt, von der Hand ins Maul leben. Sie zählen aber auch »"den schlechtesten, und es ist noch nicht allzulange her, daß der Haus-halt der meisten übrigen Staaten auf diesen Fuß eingerichtet war-Dic Sache ist radikal anders geworden: man beachtet die For-derungen der Gegenwart, man sät, man pflanzt, man schämund gründet, und weiß, daß erst die Nachkommen Ernte halten wer-den. Die bei weitem größte Zahl jener durchgreifenden Neuerungeisin Verfassungen, Gesetzgebung, Volköwirthschaft, welche seit 1815vorgenommen wurden, kommen der jetzigen Generation und noch mehrden späteren zu gut; denn die Zeitgenossen erleben in der Regel diereife Frucht ihrer Pflanzungen nicbt mehr. Alles, was die Staatenzur Hebung der Landwirthschaft, Viehzucht, Industrie, was sie fürgewerbliche Institute und Lehranstalten jährlich ausgeben, ist einSaamen, der nur langsam und unter fortgesezter Pflege aufgeht underst in der Zukunft Früchte trägt. Es dauerte weit über ein Jahr-hundert, bis die Millionen Maulbeerbäume, welche Snlly pflanzte,Frankreich ein jährliches Einkommen von 296 Mill. Frkn. an Seide-produkten zuwegebringen konnten. Der Oelbaum muß 15 Jahrewachsen, bis er den ersten Ertrag liefert; in der Regel ernten dieSöhne den Schwcis der väterlichen Arbeit. Selbst zur Abwendungkünftiger Gefahren bringt jeder Staat Opfer, die oft erst nach meh-reren Menschenaltern rentiren. Die Festungen, welche man heutebaut, schützen vielleicht erst nach 50 oder 100 Jahren das Landgegen einen feindlichen Angriff; die Bürger, welche Deutschland seitdem Frieden mit großen Kosten crerzirte, dürften leicht noch vor demnächsten Kriege daö Zeitliche segnen. Wo wäre das Ende solcher Beispielezu finden! Dieselben sind auch keineswegs dem einsichtsvollen Ver-fasser obiger Stelle gesagt, sondern denjenigen, welche daraus eineegoistische Politik in Gründung öffentlicher Anstalten zn folgern ge-neigt seyn dürften. Es ist vielmehr einzig das geringe Zutrauendes Hrn. Verf. in die nationalökonomische Bedeutung der E.B.B-,was ihn veranlaßt, zur äußersten Behutsamkeit bei so kostspieligenUnternehmungen aufzufordern, deren Vortheile selbst für künftige Ge-nerationen noch problematisch seyen. Diese Ansicht hat ihre Berech-tigung so gut wie jede andere, und vertritt nicht nur das Interesseder Steuerpflichtigen, sondern auch derjenigen, welche für dergleichenUnternehmungen verantwortlich sind, da es, nach meinem Gefühl,für einen verantwortlichen Minister in der That keine Kleinigkeit ist,von einer Ständckammer oder Staatskasse jährlich einige hundert-tausend Gulden zur Sustentation einer Bahn verlangen zu müssen,die nicht rentirt, selbst wenn man gegründete Hoffnung hätte, daß siein zehn« fünfzehn oder zwanzig Jahren rentiren werde. Je rücksichrs-loser und unumwundener solche Männer die Resultate ihres Nach-denkens und ihre Zweifel aussprechen, desto nützlicher werden sie derFrage, welche zur Entscheidung vorliegt.