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Deutschland befindet sich seit Gründung des Zollvereins in ei-ner Lage, welche mit der Englands um die Mitte des vorigen Jahr-hunderts mannigfache Berührungspunkte gemein hat. Dort wie hierein Wendepunkt in der ganzen innern Oekonomie; dort wie hier einerweiterter Markt; dort wie hier, ein Drang, die Kräfte zu übenund zu entfalten, der Thätigkeit einen weiteren Spielraum zu eröff-nen — ein reger Nationalegoismus, ein lebendiges Selbstgefühl, be-geisternde Aussichten — nur das Maß der Ansprüche ein verschiede-nes. Galt es in England, die Grundkraft des Staats zu einemErtrag zu steigern, daß über den eigenen reichlichen Genuß ein größt-möglicher Ueberschuß erzielt würde, den das Ausland bezahlen sollte,so ist in Deutschland das Ziel ein bescheidneres, nämlich: die Ele-mente des Nationalreichthums extensiv und intensiv so weit zu erhö-hen, daß sie den gesteigerten Ansprüchen der bürgerlichen Eristcnzund der öffentlichen Verwaltungen entsprechen und die Konkurrenzdes Auslands nicht zu scheuen brauchen. Dort ein Streben, Millio-nen fremder Menschen sich tributär zu machen; hier der Wunsch, sichin diesem und jenem der Unabhängigkeit vom Auslande zu entziehen,und sich selbst volles Genüge zu thun; dort ein bewußtes, durch dieinsularische Lage begünstigtes und durch glückliche Eroberungen unter-stütztes beharrliches Streben nach Seeherrschaft und Welthandel; hierder engere Gesichtskreis des vaterländischen Marktes und das Ver-langen nach dem behaglicheren vollen Genusse der Heimath.
England dachte damals daran, seine inneren Kommunikationenzu vervollständigen und zu verbessern; es baute neue Landstraßenund fügte diesen Kanäle hinzu. Deutschland greift zu einem Trans-portsysteme neuester Erfindung. Wäre dieselbe nicht gemacht, ich binüberzeugt, die deutsche Presse debattirte jetzt über Kanäle. Manhatte Kanäle schon früher in Vorschlag gebracht; allein daS Absper-rungssystem, im Verein mit der Staatcnzersplitterung, gestattete nurin wenigen Ländern größere Anlagen dieser Art. An ein nationales Ka-nalsystem war gar nicht zu denken, weil die politischen Bedingungen dazufehlten. Zudem hat ein solches in einem sehr großen Theile Deutsch lands Terratnschwierigkeiten, welche eine größere Ausdehnung dessel-ben weit mehr beschränken, als dieß bei E.B.B. der Fall ist, die ?sich dem Terrain mehr anschmiegen, von klimatischen Einflüssen ganz ^unabhängig sind und eine größere Summe von Transportvorzügenin sich vereinigen als Kanäle. Man hält es daher für ein Glück:„daß so außerordentliche TranSportvervollkommnungen just in dieZeit der industriellen Wiedergeburt Deutschlands fallen" (Vicrtel-jahrschrift: das deutsche Eisenbahnsystcm von L.), und vergleicht beide, ,Zollverein und E.B.B., „mit den siamesischen Zwillingen, zu gleicherZeit geboren, körperlich aneinandcrgewachsen, als Kinder Eines Gei-stes und Sinnes, sich wechselseitig unterstützend, nach Einem Zielestrebend, die deutschen Stämme zu einer reichen, mächtigen und un-antastbaren Nation zu vereinigen."