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Die Bedeutung der Eisenbahnen für den deutschen Zollverein mit besonderer Rücksicht auf Württemberg / von J. Mährlen
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150
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ges Werkzeug der Produktion, ein gewaltiges Rüstmittel zu schaffen,jetzt sollten wir unsern Beitrag verweigern? Wir schwärmen für eingemeinsames Vaterland, für die Einheit seiner Interessen, für dieEinigkeit seiner Stämme; aber wir scheuen das Opfer, welches aufunsern Antheil fällt, um diese jüngst geschaffene Einheit zu rea-lisircn, zn kräftigen und zu verewigen. Wir sind eifersüchtig aufdie Stellung, die wir in der Familie der uns blutsverwandten Vol-ker einnehmen, aber wir verschmähen ein Mittel, uns in dieserStellung zn behaupten. Wir rühmen uns deS Fleißes, des EiferSin Fortschritten jeglicher Art; aber wir schlagen das Werkzeug aus,das die Erfolge unserer Arbeit und unseres Nachdenkens verdoppelt.Wir rühmen die Bodenkraft unseres gesegneten Landes, aber wirsparen an dem Pfluge, der uns zweifache Ernten verheißt. Wirweisen die Orte auf, wo verborgene Schätze, schlummernde Kräfteruhen; aber wir verschmähen es selbstgenugsam, sie zu erlösen, zuwecken, zu nutzen. Wir streben nach Ebenbürtigkeit in allem Tüch-tigen und Rechten, aber wir glauben, der Stammbaüm der errunge-nen Tugenden sichere uns den Ruhm der künftigen.

Nein, nein! man verleumdete uns, wollte man uns diese un-patriotischen, diese selbstmörderischen Gesinnungen aufbürden. Wirerkennen, was wir müssen; wir verstehen was wir sollen; wirwissen, wie wir zu handeln haben. Seitdem Deutschland , durch harteSchicksale aus argen Verblendungen und Verirrungen gerissen, sichselbst angehört, seitdem es sich selbst versteht in der Einheit einesnationalen Bewußtseyns, seitdem jedes Glied für sein Thun einemGenius der Nation verantwortlich ist, hat auch Württemberg in keinerSache dem gemeinsamen Vaterlande entstanden, und schon vor mehrals fünfzehn Jahren die vollgültigste Probe abgelegt, wie es fürdasselbe fühle. Man muß es laut bekennen, weil eS manchmal ver-kannt werden will, man muß daran erinnern, weil es ani Orte ist:das Verdienst, den wahren und vollen Gedanken einer kommerziellenund industriellen Einheit Deutschlands und damit eines deutschenNationalinteresses zuerst angebahnt zu haben, dieses Verdienst gebührtWürttembergs Könige. Nicht um Aufnahme enclavirtcr Landestheilein ein gemeinschaftliches Zollsystem zur Abstellung mißliebiger, unbe-quemer Gränzverhältnisse: vielmehr um unbedingte.Verkehrsfreiheit,um innige Verschmelzung der materiellen Interessen dreier kontrahirenderStaaten, also um den Fundamentalgedanken des mehrere Jahre spä-ter entstandenen Zollvereins, handelte es sich, als die Krone Würt-temberg mit den Fürstenthnmcrn Hohenzollern und Mit der KroneBarern 1824 und 1827 ihre Zollverträge abschloß. Was die nord-deutschen Vereine hoffen und ahne» ließen, damit hat Württembergbegonnen. Die verhärtetsten Anhänger des Alten konnten eS nichtmehr bestreiten, daß die jämmerliche Zerrissenheit nicht länger fort-dauern könne; aber wie die auöeinanderlaufenden Ansichten und An-sprüche vereinigen? wer sollte den Anfang machen? Wer es zuerst