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Die Bedeutung der Eisenbahnen für den deutschen Zollverein mit besonderer Rücksicht auf Württemberg / von J. Mährlen
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1) an die mannigfachen Veranlassungen, welche zu verschiedenenZeiten des Jahrs eine außergewöhnliche Bewegung von Menschen imNeckarthale hervorrufen und diese bei der Eristenz einer E.B. zu-versichtlich steigern werden. Dahin gehören vor allen Dingen dieWeinernten. Es läßt sich erwarten, daß dabei künftig selbst dieOberländer in größerer Anzahl sich einfinden. Während sie bisherBestellungen gaben oder von Wcinhändlern kauften, werden sie inden Herbsten künftig ihre Einkäufe selbst besorgen und die Waarenach Hause bringen. Ein Geschäft, zu welchem bisher 68 Tagenöthig waren, macht sich mit Leichtigkeit in 34 Tagen ab. Fernererinnere ich an die Schaf- und Wollmärkte in Göppingen und Kirch-heim, an die Tuch- und Pscrdemärkte in Stuttgart ; an das land»wirthschaftliche Fest in Kannstadt, das künftig die Bewohner desFils- und Neckarthals, kllmer und Obcrschwaben in vermehrter An-zahl als Zuschauer bei sich erblicken wird. Aber ich höre mir schonwieder einen Laut, der wie Lurns tönt, ums Ohr schwirren. Nunso erspart denn doch diese Lnrnsbahn einen Theil der Ausgaben, dievhuedieß für eine Lurusreise gemacht worden wären. Man kenntWürttemberg wahrlich schlecht, wenn man meint, hier werde weniggereist. DaS gerade Gegentheil ist wahr, und zwar hält es bei ei-nigem Nachdenken nicht schwer, den Grund dieser Erscheinung nach-zuweisen, wenn man mit dem Beweise des Augenscheins sich nichtbegnügt. In Württemberg werden die verwandtschaftlichen Verhält-nisse mit besonderer Pietät ausrecht erhalten und kultivirt. Vielleichtnirgends werden verhältnißmäßig so viele familiäre Besuche über Landgemacht, und besonders ist Stuttgart ein Mittelpunkt dieser Besuche,-weil kaum ein Städtchen im Lande ist, dessen Beamte oder Bürgerin der Hauptstadt nicht nähere oder entferntere Verwandte hätten,bei denen man sich von Zeit zu Zeit wieder in Erinnerung bringe»will. In der Regel wählt dann da der Provinziale eine Zeit, woer sonst noch Geschäfte abmachen oder Merkwürdigkeiten sehen, odersonstige Bekannte treffen kann: Messen, Weinlesen, Ständekammern,Eramina, PromotionSzusammcnkünfte der Geistlichen, Feste n. s. w.Seinerseits geht auch der Hauptstädter viel aufs Land, theils inAngelegenheiten cbcubczcichnetcr Art, theils zum Zweck der Erholung.Man rühmt an dem Württembcrger, daß ihm seine Schulerziehnng durchsganze Leben nachgehe; ich bemerke, daß ihm auch die Vakanzen nachge-hen, und ich fordere jeden württemb. Leser auf, diejenigen in seinemKreise aufzuzählen, die das Jahr nicht wenigstens ein paar Tageauf eine kleine Lurns- und Besuchsreise verwenden. Bei Manchenbilden diese Vergnügungen einen festen Posten im Hausbuche, fürdessen Bestreitung eine gewisse Summe ausgesczt ist, die durch son-stige Sparsamkeit wieder eingebracht werden muß. Der Württem­ berg « hält was darauf, gemachte Bekanntschaften durch zeitweisePersönliche Mittheilung zu hegen und zu Pflegen, Jugeudfreundschaf-ten durch häufige gesellige Zusammenkünfte zu feiern. Man wird