Abschnitt II.
Es ist bis auf den heutigen Tag den Alpengeologen unmöglich gewesen, zueiner übereinstimmenden Anschauung über die Entstehung der krystallinischen Cen-tralmassive und ihr Yerhältniss zur Faltung der Sedimentgesteine zu gelangen —und doch liegt hierin der Kernpunkt aller Erklärung von der Entstehung der Alpen.Die Unklarheiten hierüber gipfeln gegenwärtig in der Frage:
Sind die Centralmassive theiliveise Eruptivgebilde, welche activ die Hebungder Alpen erzeugt haben, während die Sedimente sich dabei ganz passiv verhielten;
oder hat eine Kraftwirkung, welcher beide gleich passiv gegenüberstanden,beide in gleicher Weise zu Gebirgsketten aufgethürmt?
Wir können diese Fragen auch anders fassen: Ist die Structur der Central-massive in der Lage entstanden, in welcher wir sie beobachten, oder haben mecha-nische Vorgänge sie in diese Lage gebracht?
Es gibt bekanntlich viele Stellen in den Alpen, wo die Schichten der Sedi-mente mehr oder weniger horizontal auf den Köpfen der meistens steil stehendenSchiefer und Platten der krystallinischen Silicatgesteine liegen, und wo beide somiteinander ganz discordant berühren (z. B. Reussthal bei Erstfeld , untere Sandalp,Aiguille rouge, nach Studer am Roththal, an der Jungfrau etc.). Andere Stellengibt es, wo die Sedimente sich steil und vollständig concordant an die Gesteine derCentralmassive lehnen (z. B. Yal Puntaiglas, Urserenthal, Bedretto , Chamounix).Legt man auf das erstere mehr Gewicht, und ist man davon überzeugt, dass die. Centralmassive das hebende und seitlich auf die Sedimente pressende Princip beider Bildung der Alpen waren, so kommt man zu der Ansicht, welche seit langerZeit Studer vertritt: „Dass der Gneiss (d. h. die Gesteine der Centralmassive)als eine weiche teigige Masse das Kalkgebirge an seinen Rändern umwickelt und