Band 
Erster Band mit acht und sechszig Kupfern.
Seite
114
JPEG-Download
 

Ü4

Von der Natur der Flusse und der Meerbusen, in denen die pluth einströmt.

§. qi. Ebbe - und rluthströme ßiefsen nicht mit einem hydraulischen nehar-rungsstande. Wenn ein Strom durch jedes auf seiner Stromrinne senkrecht gezoge-nes profil eine und dieselbe wassermenge führt, so fliefst er mit dem hydraulischenneharrungsstande, und er kann weder steigen noch fallen §. 5. u .37. Da nun in jedemi luthstrome die Bewegung nur vermöge des Druckes, den die seewärts gelegenen Pro-file auf die flufswärts gelegenen ausüben, hervorgebracht wird, und ein solcher Strombeständig seiner Natur nachsteigt: so kann er keinen hydrometrischen Beharrungsstanderreichen. Diefs trift auch bey dem Strome während der Ebbe, den wir den rlufs-strom nennen wollen, zu : denn dabey ist er im beständigen Fallen bis er zum Still-stände kömmt. In dem ersten Moment, worin die rlutli aus der see in eine fIuIs-mündung einströmt, wird in dieser Mündung erst eine Retardation des plufsstromes— dann dessen Stillstand — endlich umrollung ( Kenterung ) desselben, und nun einRückwallender ström, den man uneigentlich Fluthstrom nennt, und den man auchgleich an der ondulirenden Bewegung in der Oberfläche gewahr wird', entstehen. Diesee, welche 6 st. 12. M. 3 7 sec. unaufhörlich in die Mündung des Flusses einstromt,bringt durch jedes seewärts gelegene profil des Stromes eine gröfsere wassermenge,als durch jedes Land - oder flufswärts liegende, welches ihr in der Mündung dadurcherleichtert wird: dafs der p'lufsstrom darin eine äufsert geringe Neigung und wenigGeschwindigkeit hat (*). In dieser Hinsicht findet also zwischen dem Strom in na-türlichen Flüssen , der zuweilen mit einem hydraulischen Beharrungsstande fliefst, unddem Strom in solchen Flüssen, worin die iluth einströmt, oder dem ström in Meerbu-sen , eine stricte Analogie nicht statt.

§. 92 . Das seewasser oder auch das Flufswasser in dem untern r.lufsbezirke,kann, während einer Fluthzeit, bis zu demjenigen puncte, wohin der Ruckwallencle-strom verspürt wird, nicht gelangen. Wollte man das Gegentheil annehmen, sowürde man zugleich darthun müssen: dafs der nückwallendestrom eine ungeheuereGeschwindigkeit erlangen müfste. In der Maas und Meerwede würde er wenigstens14,3 Fufs in der secunde zurücklegen müssen; in der rlbe würde er noch schnellerfliefsen; im Amazonen - Flusse müfste er fast des Sturmwindes Schnelligkeit übertref-fen. Wir finden also hier wieder die Anwendung von dem Satze: dafs der Druckeiner flüssigen Masse sich so weit in die Masse selbst ausdehnt, als er die ceberwuchthat: denn hier drückt der rlufsstrom der iluth entgegen — selbst mit einem hydrau-lischen Momente. Soll dieses also der Fluthstrom überwinden, so mufs in jeder aufdie Bewegungsrichtung senkrecht liegende unendlich kleine wand des Fluthstromeserst einen Aufstau (eine Denivellation in der Oberfläche), entstehen, bevor er aufwärtsgetrieben und in den RÜckwallendcnstrom verwandelt werden kann. Jede sehk-

(*) Tab. 49. Fig, 4 5 5 Eossut nydrod. Toni. II, p, 282. , und naccolta t„ vii, p. 604.