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ZWEITER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSE.MPFINDINGEN.
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vorher erwähnten Retinalgefässen sichtbar war, dass die wahrgenommene Gireu-lation „einer anderen gefässreicheren mehr nach aussen gelegenen Retinalschicht“angehüren müsse. Meissner und mir seihst ist es nie gelungen, unter denDruckbildern des Auges ausser zuweilen aufblitzendcn Zügen der bekanntenAderfigur der Netzhaut etwas einem Gefässnetze Aelmliches zu sehen, und wennich auch als Schlussstadium fast immer labyrinthische Liniensysteme in strömen-der Bewegung sehe, so ist deren Anordnung doch mit keinem Gefässnetze zuvergleichen. Zu bemerken ist übrigens für die Theorie dieser Erscheinungen,dass nach den von Donders mit dem Augenspiegel ausgeführten Untersuchungendurch Druck auf das Auge allerdings Veränderungen in den Netzhautgefässeneintreten, indem zuerst die Venen zu pulsiren anfangen und später das Blutaus ihnen sich ganz entleert. Diese veränderten Zustände der Gefässe mögenvon manchen Augen empfunden werden können. Sonst möchte ich die unruhigenund wechselnden Bilder, welche durch anhaltenden Druck im Auge erzeugtwerden, mit dem Gefühle des Ameisenlaufens vergleichen, welches in einge-schlafenen Gliedern, deren Ncrvenstämme längere Zeit einem Drucke ausgesetztgewesen sind, e intritt. Wenn wir, schief auf einer Hüfte sitzend, den Hüftnervendrücken,'verliert bald der Fuss und Unterschenkel die Fähigkeit, Berührungäusserer Objecte zu empfinden; dagegen tritt ein heftiges Kribbeln in den taubgewordenen Theilen der Haut ein, wmlehes in ähnlicher Weise schnell wechselndeErregungen der empfindenden Nervenfasern verräth, wie sie bei dem ent-sprechenden Zustande der Netzhaut sich durch die wechselnden feinen F'igurenim Gesichtsfelde zeigen. Wenn dann der Druck nachlässt, sind bei wieder-kehrender Fähigkeit, äussere Objecte wahrzuuehmen, die ersten Berührungen desFusses oft schmerzhaft, während das Auge äussere Gegenstände in blendendemLichte wahrnimmt,
Ein anderes Phänomen, was einer mechanischen Reizung der Netzhaut an-zugehören scheint, sind gewisse lichte Flecke, welche empfindliche Augen imdunkeln Gesichtsfelde sehen, wenn sie eine schnelle Bewegung des Auges voll-führen. In Fig. 2, Taf, IV. sind sie abgebildet, wie sie im gemeinschaftlichenGesichtsfelde beider Augen mir erscheinen, wenn die Augen in Richtung desPfeils nach links hin bewegt worden sind. Das mit L bezeichnete gehört demlinken, das andere dem rechten Auge an. Die Erscheinung ist in dem nacheinwärts bewegten Auge, hier dem rechten, weniger entwickelt als in dem nachauswärts bewegten. Ich selbst sehe sie nur des Morgens gleich nach dein Er-wachen, oder bei Unwohlsein; andere Beobachter, wie Purkinje und Czermak ',sehen sie zu jeder Tageszeit im Dunkeln als feurige Ringe oder Halbringe.Ihre Entfernung vom Gesichtspunkte ist eine solche, dass ein Beobachter, derdie später zu beschreibenden Phänomene des sogenannten blinden Flecks gutkennt, daraus schliesscn kann, dass sie der Eintrittsstelle des Sehnerven ange-hören. Sie entstehen also wahrscheinlich dadurch, dass bei schnellen Be-wegungen des Auges der Sehnerv vom Augapfel mit in Bewegung gesetzt und
1 Physiologische Studien. Abtheilung I. §. 5. S. 42 u. Abth. II. S. 32. — Wiener Sitzungsber. XII. S. 322 u.XV. &V