§. IS.
GENAUIGKEIT DES IND1RECTEN SEHENS.
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Dass die Grenze des Erkenncns -bei meinem eigenen Auge etwas weiter liinaus-geriiekt ist, als bei den übrigen Angen Erwachsener, erkläre ich mir durch diehellere Beleuchtung, welche bei meinem Stabgitter möglich war. Das genaueste Auge,von Bergmann beobachtet, war das eines Knaben von 10 Jahren. Ucber den Ein-lluss der Erleuchtung hat Ton. Mayeii Versuche angestellt. Er fand, dass Linieu-systeme am besten erkannt wurden bei der Beleuchtung recht hellen Tageslichts,dass Steigerung der Helligkeit nichts nützte. Geringere Grade von Helligkeit er-zeugte er des Nachts, indem er ein Licht in verschiedenen Entfernungen vor dasPapier setzte. Je grösser die Entfernung des Lichts, desto mehr musste er siehnähern. NVährcnd das Licht aus Y 2 Euss Entfernung allmälig auf 13 Kuss gebrachtwurde, wuchs der Gesichtswinkel für weisse Streifen mit gleich breiten Zwischen-räumen (wie oben gerechnet) von 138" auf 314", und er bildet sich die empirischeFormel, welche seinen Messungen ziemlich gut entspricht s = wo s der
Gesichtswinkel und a die Entfernung des Lichtes. Da nun die Helligkeit h — — a -
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folgert er weiter s = —?=•
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Die Untersuchungen von Aurert und Förster über die Genauigkeit desSehens auf den Seitenthcilen der Netzhaut sind nach zwei Methoden ausgeführtworden. Bei der ersten Methode blickte der Beobachter durch eine geschwärzteliühre, welche fest aufgestellt war, dadurch die Stellung seines Auges sicherteund sein Auge vor blendendem Seitenlicht schützte, nach einem mit Buch-staben und Zahlen, die in gleichen Zwischenräumen von einander standen, be-druckten Bogen (2 Fuss breit, o Euss lang) hin. Dieser war auf zwei hori-zontale Walzen aufgerollt, so dass der vom Beobachter gesehene Theil nachjedem Versuch schnell gewechselt werden konnte. Da die aufgedruckten Buch-staben und Zahlen ferner ganz willkiihrlich durch einander gestellt waren, konnteder Beobachter auch nie andere Zahlen errathen, als die er wirklich gesehen hatte.Vor dem Bogen stand eine Leydener Flasche, welche sich von Zeit zu Zeit entlud,und dadurch den Bogen auf einen Moment erhellte, während es in den Zwischen-zeiten so dunkel war, dass der Beobachter eben nur den Ort der Buchstaben, abernicht ihre Form erkennen konnte. Während ein Gehülfe den Bogen mit den Buch-staben beliebig stellte, gab der Beobachter nach jeder Beobachtung an, welcheBuchstaben er erkannt batte. Es wurden vier solche Bogen mit Ziffern und Buch-staben von verschiedener Grösse gebraucht. Der Abstand des Beobachters von denObjecten konnte geändert werden.
Nennen wir mit Aubert den doppelten Winkel zwischen der Gesichtslinie undder Richtungslinie der äussersten gesehenen Buchstaben, d. h. also den Gesichtswinkeldes mit erkennbaren Zahlen besetzten Raumes, den Raunnvinkel, und den Winkel,unter welchem die grössten Dimensionen der gesehenen Buchstaben und Zahlendem Beobachter erschienen, den Zahlenwinkcl, so ergab sich, dass bei gleicherwirklicher Grösse der Zahlen das Verhältniss des Zahlen winkeis zumRaumwinkel nahehin constant war; nur bei Raumwinkcln über 30 oder 40°waren die Zahlenwinkel etwas grösser, als dies Verhältniss erforderte. Dagegenfand sich, dass bei eonstanter scheinbarer Grösse der Zahlen kleinenahe Zahlen besser erkannt wurden als grössere ferne. Es fandsich nämlich die Verhältnisszahl des Raumwinkels dividirt durch den Zahlenwinkel,wie folgt: