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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
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BETRACHTUNG DER WICHTIGSTEN VEGETATIONSABSTUFUNGEN.

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nächst für die Vegetation von Wichtigkeit ist, wird mit der Höhe grösser. Die Luft istdort dem Sättigungspuncte im allgemeinen näher, und die Pflanzen erhalten daher einehäufigere und reichlichere Bethauung.

Die Regenmenge ist in den Alpen wie in jedem Gebirge bedeutend grösserals in Ebenen, und es wird dadurch eine grössere Feuchtigkeit des Bodens und eingrösserer Quellenreichthum bedingt; die Regenmenge ist bis 5000' (in der Nähe der all-gemeinsten Waldgrenze) ziemlich unverändert, von hier nach aufwärts tritt aber eineentschiedene Verminderung ein. Die grössten absoluten Mengen des Niederschlages findenam Südrande der Alpen statt. Die Vertheilung desselben auf die einzelnen Jahres-zeiten zeigt in verschiedenen Alpengruppen sehr conslante Unterschiede. Es herrschenin den nördlichen und nordöstlichen Theilen die Sommerregen, in den südlichen undbesonders in den westlichen die Herbstregen vor 1 ).

Der mit der Höhe verminderte Luftdruck 2 ) wirkt vorzüglich auf die Ver-dunstung des Wassers aus den Blättern der Pflanzen 3 ), und bringt zugleich eine lebhaftereWirkung des Lichtes und der Wärme in directer Besonnung hervor. Es em-pfangen dadurch besonders die letzten kleinen Phanerogamen, welche sich nur wenigüber den durch Insolation erwärmten Boden erheben eine weit höhere Temperatur alsihnen die Atmosphäre zu geben vermöchte. Dieses letztere, die beförderte Verdunstungund der lebhaftere Reiz des Lichtes tragen wesentlich dazu bei, dass diese Pflanzen ineinem verhältnissmässig so kurzen Sommer ihre Entwicklungsphasen durchlaufen können.

Betrachtung der wichtigsten Vegetationsabstufungen.

Wir werden jetzt die wichtigsten Vegetationsgruppen einzeln betrachten, welchesich in verticaler Höhe folgen, und denselben einige speciellere Beobachtungen Uber dieSchneelinie und die obersten Grenzen des pflanzlichen und thierischen Lebens in denHochalpcn anreihen.

1) Vergl. Cap. XV. und Tafel XI. Fig. 3.

In den Alpen ist die Vertheilung der Hegenmenge nicht so bedeutend verschieden dass daraus un-mittelbar Veränderungen der Pflanzengrenzen abgeleitet werden könnten, obwohl sie auf den Er-trag und auf die periodischen Erscheinungen von grossem Einflüsse ist. Als ein Beispiel wie sehr in extre-men Fällen die Regenmenge auf dieVegetationsgrenzen in anderen Localitaten einwirken kann, dürfen wirwohl an die climatischen Verhältnisse von Sitcha in Nordamerika (57° 3' N. Br.) erinnern, welche K. E.von Baer mittheilte. Pogg. Ann. Ergänzungsband I. 1842. S. 129 155. Die mittlere Jahrestemperaturbeträgt -4-7,39° C., der Sommer 13,50°. »Es ist hiernach die Sommertemperatur Sitchas genau dieSommertemperatur derjenigen Gegenden in Europa , wo der Roggen entweder gar nicht oder nur inganz besonderen Localitäten zur Reife kömmt.« In Sitcha und seinen Umgebungen wird aber dieCultur der Cerealien noch dadurch sehr erschwert, dass die Häufigkeit des Regens in allen Jahres-zeiten die Befruchtung zur Zeit der Blüthe stört. Auch in manchen Alpentheilen, in denen Sommer-regen vorherrschen sind ähnliche Störungen an der Grenze der Cerealien sehr wahrscheinlich, weilin diesen Höhen die Blüthe erst Ende Juni und im Juli beginnt.

2) Bei 12000 Fuss z. B. beträgt der mittlere Luftdruck 18 P. Zoll und es fehlt dem Gewichtenach 0,37 der Atmosphäre.

3) lieber den bedeutenden Einfluss der Verdunstung vergl. die Versuche von IIales, Senneiueru. s. w., und Bocssingaui.ts Economic rurale, übers, von Gr.eger. 1844. Bd. 1. S. 22.