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CAP. XIX. DIE PERIODISCHEN ERSCHEINUNGEN DER VEGETATION.
Das Vorschreiten von dem südlichen Italien bis in das nördliche Deutschland be-wirkt also hier dieselben Veränderungen wie grössere Erhebungen; es zeigt sich nämlichbei beiden Fällen eine bedeutende Verlängerung in der Vegetationszeit der Cerealien. Ander äussersten Grenze des Winterroggens bei 5000 und 5200 Fuss bleibt derselbe zu-weilen ein volles Jahr in der Erde.
Solche Vergleiche lassen sich nur zwischen Länderstrichen anstellen, deren Clima in Bezug auf die Vertheilung der Temperatur in den Jahreszeiten Aehnlichkeit zeigt.Die Grenzen der Cerealien gegen Norden können daher mit den entsprechendenVerhältnissen in den Alpen nicht mehr parallelisirt werden; in dem so ungemein.excessiven Clima des nördlichen Sibiriens wird die Vegetationszeit der Cerealien imGegentheile abgekürzt.
Der kleine Raum für den Ackerbau in Höhen von 5000 und 5200' gestattet nureinen sehr geringen Wechsel der Felder; es ist daher nöthig, in den nächsten Tagen nachder Ernte, meistens in demselben Boden,. die Saat vorzunehmen. Durch di'e verzögerteReife des Getreides wird auch der Anbau des neuen Roggens -weiter hinausgerückt, under tritt auf diese. Weise später ein als bei 4000 Fuss. -
In den tieferen Theilen hingegen bei ausgedehnterem Ackerbau und bei Wechsel- ‘wirthschaft währt stets die Dauer der Ernte an den verschiedenen Feldern weit länger undes verstreicht zwischen dieser und dem Anbau des Getreides einige Zeit. Im allgemeinenlässt sich dabei von der Basis der Alpen nach aufwärts bis zu Höhen von ungefähr 4000 'eine Beschleunigung der Wintersaaten bemerken.
Diese letztere wird auch sehr wünschensw r erth, weil sonst die kleinen Wurzelnin den höheren Thälern nicht mehr jene Tiefe erreichen können, in der sie vor der frü-hen Kälte des Winters hinlänglich geschützt sind. Für den Roggen an der äusserstenGrenze in den Alpen sind in dieser Beziehung die Verhältnisse sehr ungünstig, da er dortmeistens nur spät gebaut werden kann. Die grossen Störungen in dem Ertrage desselbendürften theilweise hierdurch bedingt sein. Auch ist es wohl nöthig, dass ein sehr gün-stiger Boden, geringere Winterkälte, die Lage an besonnten Abhängen oder andere Neben-umstände sich vereinigen, um dennoch sein Gedeihen möglich zu machen. Bei Betrachtungdieser mannigfachen Verhältnisse wird man weniger überrascht sein, dass der Winter-roggen bald schon weit früher als Gerste und Hafer aufhört, bald mit diesen vereintsich an den äussersten Grenzen der Cerealiencullur befindet.
Ausser den Epochen, welche zunächst nur von den climatischen Verhältnissen be-dingt sind, führten wir in der Tabelle Seite 529 *) einige andere an, welche von derWillkühr des Menschen theilweise abhängen. Es sind dieses die Heuernte und der Anbau
I) In einigen Spalten dieser Tabelle, z. B. bei der Belaubung von Fraxinus excelsior , der Blüthevon Viola odorata u. s. w. wurden in den höheren Theilen, wo diese Pflanzen fehlten, einige Angabenüber die Begrünung der Wiesen oder die ersten Frühlingsblüthen eingetragen, ohne dass dadurch dieletztgenannten Phänomene mit den ersteren gleichgestellt werden sollen.