EINFLUSS CLIMAT1SCHER VERHÄLTNISSE.
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ten, dass am Tage das Wachsthum bedeutender ist als bei Nacht, dass es sich bei abneh-mender Intensität der Pflanzenentwickelung selbst auf die Tageszeit allein beschränkenkann, und dass es in directer Besonnung lebhafter ist als im Schatten;
Jedoch ist die Wärme, welche eine Pflanze empfängt, verschieden von jenermittleren Temperatur, welche man durch die Beobachtung eines im Schatten aufge-hängten Thermometers erhält, indem die Pflanzen gewöhnlich mit ihren freien Theilen derBesonnung zugänglich sind *) und durch ihre Wurzeln an der Temperatur des Bodenstheilnehmen. An beschatteten Stellen ist die Temperatur der Luft im Mittel geringer, undihre Extreme sind sich näher gerückt, als an besonnten Puncten, da das Maximum imSchatten weit niedriger ist, und auch das Minimum durch die beschränkte nächtliche Strah-lung weniger tief wird; dieser Gegensatz zwischen beschatteten und besonnten Stellenist in der wärmeren Periode des Jahres grösser als in der kälteren, und steigert sich be -sonders in höheren Puncten gegenüber den tiefer liegenden.
Jedoch auch innerhalb der mittleren Lufttemperatur im Schatten üben die Varia-tionen der Wärme einen grossen Einfluss auf die Entwickelung und das Gedeihen derPflanzen überhaupt aus
Für die Höhenscala der Alpen nehmen, wie wir früher sahen, die Variationen mit derErhebung etwas ab, jedoch mehr dadurch, dass in den oberen Theilen die Wärme gerin-ger, als dadurch, dass die Kälte grösser wird; es ist nämlich die Temperaturabnahme imSommer rascher als im Winter.
Der grosse Einfluss, welchen vorzüglich der Character des Climas und die Art derTemperaturvertheilung auf die Entwickelung der Pflanzen haben, lässt sich ebenfallsdeutlich erkennen, wenn man versucht, synchronistische Linien zu ziehen, das heisst jeneOrte zu verbinden, bei welchen bestimmte Vegetationserscheinungen zu gleicher Zeit ein-treten. Diese Linien fallen auf ausgedehnten Continenten, wie Quetelet fand, nicht mitbestimmten mittleren Jahrestemperaturen zusammen, und sind weder parallel, noch zeigensie constante Unterschiede. Sie kreuzen sich im Gegentheile mannigfach, und sindfür verschiedene Monate von sehr ungleicher Form; es kann an demselben Orte für einPhänomen eine Verspätung, für ein anderes eine bedeutende Beschleunigung eintreten. DiePhänomene des Frühlinges und jene des Herbstes bieten hier die grössten Unterschiede, wel-che vorzüglich davon abhängen, ob ein continentales oder ein Seeclima vorherrscht, indembei dem letzteren, ausser der geringeren mittleren Sommerwärme, auch noch die häufige Be-
zug in der bot. Zeit, von Mohl u. s. w. I. 1843. S. 99 bis 102. Ueber den Zusammenhang der Pflanzen-entwickelung mit äusseren Bedingungen , und über die physiologischen Verhältnisse dieser Erscheinun-gen vgl. Pyr. De Candölle, Pflanzenphysiologie übers, von Köper 1833. vjorzügl. Bd. I. S. 423 — 447,Schleiden , Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik. 2. Aufl. 1 845. II. S. 494—503.
1) Vergl. über den grossen Einfluss directer Besonnung auf die Vegetation v. Humboldt de dislri-butione geographica plantarum 1817. S. 163.