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CAP. XIX. DIE PERIODISCHEN ERSCHEINUNGEN DER VEGETATION.
wölkung und der dadurch hervorgerufene Mangel der Besonnung das Reifen der Früchtesehr verzögert. Für die Alpen nehmen ähnliche Linien etwas regelmässigere Formen an,und die von ihnen eingeschlossenen Raume zeigen im allgemeinen ebenfalls gleichmässigereVeränderungen, obgleich auch hier nach den Bodengestalt an einzelnen Stationen, nachder geographischen Länge und Breite und nach der Form verschiedener Gebirgsgruppennicht unbedeutende Schwankungen eintreten.
Für die Tagesperiode hängen die Temperaturvariationen von der Exposition wesent-lich ab; für die Jahresperiode wird, wie wir früher sahen, die Lage in den Thalbeckengünstig wirken, da in den letzteren bei gleicher mittlerer Jahrestemperatur die Unter-schiede einzelner Monate grösser sind als auf Abhängen im allgemeinen. Nicht alle Pflan-zen kommen in gleichem Masse mit diesen Verhältnissen in Berührung; sie gelten vorzüg-lich für die Culturpflanzen, welche gewöhnlich in freier Exposition und an besonnten Ab-hängen gebaut sind, und durch ihre langen Halme grossentheils an der Temperatur derLuft Theil nehmen. Wälder nähern sich in Beziehung der Lufttemperatur sehr der Schat-tenwärme , und stehen überdies noch in vieler Beziehung zu der Temperatur der tieferenBodenschichten. Für grössere Pflanzen ist auch die Lufttemperatur nicht überall dieselbe,indem sie an den unteren Theilen bei lebhafter Besonnung grösserer Wärme, während dernächtlichen Strahlung 1 } und bei ruhiger kalter Luft grösserer Kälte ausgesetzt sind als anden oberen. Gleichzeitig mit der grösseren Erwärmung durch die Besonnung entstehtein grösserer Lichtreiz, welcher bekanntlich auf die Lebensfunclionen der Pflanze undauf die Assimilation der Nahrungsmittel so wesentlich einwirkt. Die Intensität diesesReizes, abhängig von der Durchsichtigkeit der Atmosphäre, wächst mit der Höhe, und esist dieses für die Vegetationsperioden, ebenso für die Grenzen der Hochalpenpflanzen nachunten, gewiss nicht ohne Einfluss. Auch Grisebach zeigte, dass die Südgrenze der nörd-lichen Pflanzen im nordwestlichen Deutschland 2 ) sehr wesentlich von dem Lichtreize, vonder Dauer des Tages’, welche hier die Intensität ersetzt , abhängt, während es wenig wahr-scheinlich ist, dass dort der ohnehin geringe Ueberschuss der Sommertemperatur die süd-lichen Grenzen bedinge.
Die Besonnung ist von der Bewölkung des Himmels abhängig; diese wird in ver-schiedenen Alpengruppen analog der Vertheilung des Begens verändert; sie wirkt aberauch in verschiedenen Höhen ungleich auf die Vegetationsperioden ein. Da die grösserenWolken im allgemeinen nicht die höchsten Theile erreichen und besonders einzelne Nebeloft lange in den Thälern verweilen, so erhallen dadurch die obersten Pflanzen auchquantitativ einen gesteigerten Lichtreiz.