ZEIT UND GROSSE DER TEMPERATUREXTREME.
291
dann stetig und lange anhaltend, wirken die Reflexionen an Schneeoberflächen mehrmomentan. Sobald die Sonne solche Flächen trifft, deren Stellung erlaubt einenEinfluss auf die Temperatur des Beobachtungspunktes auszuüben, wird dort dieWärme anfangen merklich zu steigen, während an den Schnee- und Eis-Oberflächender nicht reflectirte Theil der Sonnenwärme nur in dem ersten Anfänge der Beson-nung, und auch dann nur auf sehr geringe Tiefen dazu verwandt wird, die Tem-peratur der Masse selbst zu erhöhen; sobald diese Wärme in den obersten Schich-ten den Nullpukt erreicht hat, wird alle weitere Wärme latent gemacht durchSchmelzen der Schnee- und Eismassen. So lange die directe Besonnung von demSchnee auf den Beobachtungspunkt und dessen Umgebungen reflectirt wird, mussdort die Wärme verhältnissmässig bedeutend steigen; trifft die directe Besonnungdiese Stellen nicht mehr, oder ist die Sonne so gestellt, dass die Reflexionen eineandere Richtung annehmen, so wird jetzt dem Beobachtungspunkte diese Wärmequellefast vollständig entzogen. Festes Gestein, noch mehr trockene dunkele Erden, wür-den gerade jetzt ihren ausgleichenden Einfluss durch allseitige Strahlung ausüben;auch die Schneemassen strahlen noch Wärme aus, indem sie, der Besonnung be-raubt, sehr regelmässig bis mehrere Grade unter 0 erkalten; aber jene weit grössereWärmemenge, welche bei der Aenderung des Aggregatzustandes gebunden wurde,ist für diese Regionen grösstentheils verloren. Das Wasser folgt den steilen Nei-gungen, welche gerade die obersten Alpentheile so wesentlich charakterisiren, undgelangt in tiefere Regionen, oder es dringt in die unteren Firnlager ein. Nur einsehr unbedeutender Theil der Wärme wird an der Stelle frei, wo sie gebunden wurde.
Daher sind hier die Temperaturveränderungen an schönen Tagen sehr rasch,und der Gang der Temperatur ist zugleich mehr als an den meisten anderen Loca-litäten (in mittleren Höhen), von der äusseren Gestalt der Umgebungen abhängig.
Auch die Zeit des Eintrittes des Minimums scheint in grossen HöhenVeränderungen zu erleiden, die theils einen allgemeinen, theils einen mehr localenCharakter haben.
In den tieferen Gegenden, und selbst sehr allgemein in mittleren Höhen, dochhier theilweise durch einen anderen Einfluss gesteigert, tritt das Minimum der Nachtkurz vor dem Sonnenaufgänge ein.
Es stimmt dies vollkommen mit der Betrachtung überein, dass die Erkaltungdes Bodens und der ihn zunächst berührenden Luftschichten mit grosser Lebhaftig-keit fortdauern müsse, bis wieder die Sonne über dem Horizonte erscheint *.
In der freien Atmosphäre wird die Veränderung der Wärme während der Nacht
3) Dove Prenss. Stationen 1851. S. 1.
37*