ÜBER DAS ALPENGLÜHEN UND DIE RELATIVE HELLIGKEIT DER SCHNEEFLÄCHEN. 477
Es ist auf hohen Bergen in den inneren Theilen der Alpen sehr selten mög-lich, die Sonne unmittelbar am Horizonte untergehen zu sehen. (In den Ebenentritt der Untergang der Sonne, durch die Refraction verspätet, gewöhnlich dann ein,wenn die wirkliche Zenithdistanz nahe 91° beträgt.) Gewöhnlich verschwindet dieSonne hinter den wellenförmigen Unebenheiten des Terrains etwas früher, bisweilenhinter Höhen von 2 bis 3° Erhebung.
In Bern fand Herr Wolf 1 , dass die röthliclie Färbung der Berge bereits be-merkbar wurde, wenn die Zenithdistanz der Sonne 85° erreichte. Von der Vincent-hütte aus und am Pavillon des Aargletschers zeigte sich gewöhnlich an ganz schönenTagen die erste Färbung bereits etwas früher. Vielleicht hat dies seinen Grunddarin, dass die grössere Durchsichtigkeit der Luft die ersten feinen Farbenuancenbesser zu erkennen erlaubt, als dies an den tieferen Standpunkten der Fall ist.
Das glänzendste Abendroth zeigt sich an den Schneeflächen bei einer Zenith-distanz der Sonne von 87 bis 89°. Die Röthe nimmt nun (an günstigen Tagen)bis zumUntergange der Sonne zu, während die absolute Helligkeit bereits etwasabnimmt. Die äussersten Spitzen der höchsten Alpengipfel bleiben noch beleuchtet,bis die Sonne 2 bis 3° unter den Horizont gekommen ist. Der Geg'endämmerungs-bogen hat jetzt die höchsten Gipfel erreicht, die sich auch unmittelbar darauf dun-kel gegen den Hintergrund abheben.
Nun beginnt sehr rasch die allgemeine Helligkeit sich zu vermindern, währendam westlichen Himmel noch ein sehr helles Segment von 8 bis 10° Höhe sich er-hält. Die von diesem Lichte beleuchteten Schneemassen fangen jetzt plötzlich ansich wieder hell vom Hintergründe abzuheben, da die Luft selbst eine viel gerin-gere reflectirende Kraft hat als die weissen Flächen der Berge. Diese relative Hel-ligkeit kann bisweilen so gross werden, dass die Berge aufs neue von der Sonnegetroffen scheinen. Ist der Himmel im Westen sehr hell, so erscheinen die Bergedeutlich röthlich, auch dann, wenn das Licht am westlichen Himmel verhältniss-mässig wenig roth ist; die Röthe der Schneeflächen wird dadurch hervorgebracht,wie das Abendroth, dass die Sonnenstrahlen eine mit Wassergas erfüllte Atmosphäredurchlaufen, und es ist deshalb gewöhnlich bei sehr heiterem Wetter an den Schnee-flächen rötlier als am westlichen Himmel, weil die reflectirten Strahlen einen grösse-ren Weg zurückzulegen haben, ehe sie in unser Auge gelangen; ja bei sehr star-kem und dann gewöhnlich etwas lichtarmen Abendroth sind die Berge dunkler (ob-wohl noch immer hell gegen den Hintergrund) und zugleich verhältnissmässig we-niger roth, als an ganz heiteren Abenden.
Kämtz, Meteorologie III S. 65, schreibt ebenfalls die Rötliung der Berge beimAlpenglühen dem Beleuchten durch den westlichen Theil des Firmamentes zu; allein
1) Abhandlungen der naturforschenden Gesellschaft in Bern 1852. Diesen sehr belehrenden Auf-sätzen über die Färbung des Alpenpanoramas von Bern vor und nach dem Sonnenuntergänge liegen Be-obachtungen vom Nov. 1850 bis Nov. 1851 zu Gninde.