Band 
[Textband.]
Seite
478
JPEG-Download
 

478

ÜBER EINIGE OPTISCHE ERSCHEINUNGEN HER ATMOSPHÄRE.

die charakteristische Eigentümlichkeit der zweiten Färbung der Alpengipfel ist we-niger ihre neue Röthung, als vielmehr der Umstand, dass sie aufs Neue leuchten-der werden, als das Firmament im Hintergründe. Die zweite Färbung endet ge-wöhnlich, wenn die Sonne 95 bis 96° Zenithdistanz erreicht hat; dann beginnenzugleich die Alpengipfel, von den Ebenen am Rande der Alpen gesehen, in derallgemeinen Dämmerung zu verschwinden. Von hohen Bergen und in grosser Nähegesehen, bleiben jedoch schneebedeckte Berge oft eine lange Zeit der Nachthindurch hell gegen den Himmel, aber nur in einem so geringen Grade, dass sichdies von der zweiten Färbung nach Sonnenuntergang wesentlich unterscheidet; vergl.oben S. 476 Montblanc 4 b. Ich werde sogleich versuchen, einige ähnliche Fällenäher zu besprechen. Die zweite Färbung selbst (nämlich Nr. 3 S. 476) tritt nicht,wie das zuerst erwähnte Phänomen Nr. 4 b, an Schneeflächen allein auf; sie zeigtsich auf allen Bergen, die stark reflectirende Oberflächen haben; wir hatten schonfrüher 1 einen sehr ähnlichen Fall angeführt, in welchem die Dolomite des Fassa-thales diese Erscheinung in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit zeigten.

Diese zweite Färbung zeigte sich, wie das Abendroth an schönen Tagen, mitgrosser Regelmässigkeit, und tritt demnach, in Beziehung auf die Häufigkeit, ebenso oft auf, als ein mässig schöner Sennenuntergang.

Eine besondere Lebhaftigkeit des Roth, die bisweilen der Ansicht der Alpen einen wundervollen Reiz verleiht, gehört stets der ersten Färbung, nämlich jenerdurch die directen Strahlen der untergehenden Sonne an; während die zweite Fär-bung sehr häufig zwar deutlich, aber doch so schwach ist, dass sie leicht übersehenwerden konnte.

Vor dem Aufgange der Sonne tritt bekanntlich ebenfalls der Gegendämmerungs-bogen auf; aber der Contrast der Helligkeit ist jetzt viel geringer, ebenso wie auchdie Morgenröthe viel weniger lebhaft ist als die Abendröthe; es ist daher ungemeinselten, dass man die hier besprochenen Erscheinungen des Abends am Morgen inumgekehrter Folge beobachten kann. Obwohl wir in geringer Entfernung von derVincenthütte die östliche Abdachung des Montblanc in ihrer vollen Breite übersahen,konnten wir doch während unseres Aufenthaltes vom 3. bis 16. September kein ein-ziges Mal die entsprechenden Phänomene vor dem Aufgange der Sonne mit Sicher-heit erkennen.

Da ich im Folgenden einige andere Erscheinungen anführen werde, die ent-schieden mit einem Selbstleuchten des Schnees und des Eises zusammenzuhängenscheinen, will ich hier zugleich erwähnen, warum man das Alpenglühen oder diezweite Färbung derselhen nach Sonnenuntergang zunächst nur der Beleuchtungdurch den westlichen Theil des Himmels und keiner Phosphorescenz zuzuschreibenscheint. (Wenn auch von Schneeflächen die Helligkeit durch Phosphorescenz etwas

1) Untersuchungen u. s. w. 1850 Seite 452.