Allgemeiner Charakter.
217
Bannwälder, die oft ganz neben einem neueingeschlagcnen Lawinenzuge draußenstehen nnd allgemein im Abgänge sind, da man sie nicht forstwirtschaftlichverjüngt nnd ergänzt. In Wallis herrscht in einigen höheren Thälern dieingeniöse Sitte, die Lawinen festzunageln, indem die Leute im Vorfrühlingzu den bekannten Lawinenbruchstellen, an die Quellen der Schnccströme,hinaufsteigen und dort auf der ganzen geneigten Fläche Pflöcke in den Bodentreiben, damit bei der Schnecschmelze nicht das ganze Lager in Gang gerate.So furchtbar und unaufhaltsam der entwickelte Sturz ist, mit so kleinenGegenmitteln kann doch sein Beginnen verhindert werden. Hat man ja schonbemerkt, daß periodische Lawinen ausgeblieben find, wenn die Wildhcuer imvorangehenden Sommer verhindert waren, gewisse Grasgcsimse abzuscheren,worauf die langen, dürren Grashalme in den Schnee festfroren und diesenzurückhielten, daß er nicht in die Tiefe stürzte und dort den Gang einerLawine anregte! Noch größere und sicherere Dienste leisten die Legföhren,die ganze Schneebreiten mit tausend Nadelfingern zurückhalten und dieEntstehung von Grundlawinen beinahe unmöglich machen. In mehreren sehrausgesetzten Thälern der rhätischen Alpen schützen die Einwohner ihre Häuserdurch zwei giebelhohe Erd- und Steinwälle, die in einem spitzen Winkel gegendie Lawinenscite zusammentreffen, sogenannte Spaltecken, welche den Schnee-strom zerteilen, daß er zu beiden Seiten der Wohnung unschädlich abfließt.Oft hüpfen aber die Staublawinen auch über den Wall und das Dach weg.Auf solche Weise ist in Tavos die Frauenkirche geschützt und viele Häuserim Matzen-, Bcdrettothale und anderwärts. Einzelne Ställe werden auchbloß mit einer Schneemaucr verwahrt, die durch Wassergüsse vergletschertwird und wohl aushält, bis die Zeit der Gefahr vorüber ist, während dieneueren Bergstraßen an lawincngefährlichcn Stellen durch Galerien geschütztwerden oder durch auf Pfeilern ruhende Dächer, die in gleicher Flucht niitder Gangbcttfohle der Lawine liegen. Das Hauptschutzmittel aber gegen alleLawinengefahr bleibt die Verdauung und Aufforstung der Sammelgebicte,die an tausend Punkten gelingen könnte. Zu den berüchtigtsten, durch Lawinengefährdeten Stellen gehören die Cchöllenen, das Tremolathal, die Znga beiTavos, der Platiferpaß bei Tazio grande und andere. Der Mensch setzt denNaturgewalten unablässig und immer siegreicher seinen zähen Widerstandentgegen; ja er baut seine Hütten keck nnd trotzig an die Tonnerbahncn derfurchtbaren Schneeströme, nnd wenn diese sie wie Ameisenhäufchen wegfegen,so setzt er in wunderlichem Eigensinn die neuen wieder an die Stelle deralten. So wischen z. B. im wallisischcn Lötschcnthale die Lawinen regelmäßigvon Zeit zu Zeit die Kapellen von Lugein und von Koppistein in die Tiefe;aber unermüdlich bauen die Bewohner von Ferdcn nnd Kippet die Gottes-häuschcn wieder aus den alten Fleck.
In dem Bilde unserer Alpenlandschaften nehmen die Gewässer in ihrenverschiedenen Gestalten eine sehr wichtige Stelle ein und beleben sie in ihrer