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Werth bei ihm hat, dass er sich mehr bestrebt Begriffe, Grundsätze, Ueber-sichten zu gewinnen und die sinnliche Masse zum Eigenthum des Geistes um-zuwandeln. Er will, dass der Arzt das Geheimniss der kranken Natur durchsinniges Nachdenken und Vergleichen herausahne; dass er jeder sichergestell-ten Wahrnehmung mit selbstständigem Urtheil ihre Stelle in dem Kreise derErkenntniss einräume und durch eine angemessene Deutung ihr einen blei-benden geistigen Werth verleihe. Auch wendet er sich nicht selten mit kern-haften Aussprüchen an das theilnehmende, menschliche Gefühl; er fordert denArzt dringend auf, sein Amt als das eines sorgsamen und schonenden Helferszu betrachten.
Er ertheilt keine Unterweisung, wodurch man Schritt vor Schritt, ruhigund consequent zur Erlernung des Nothwendigen und Nützlichen angeleitet,und mit den Gegenständen des Fachs im Zusammenhänge vertraut gemachtwird; man vermisst sehr oft den Führer; man fühlt sich aber dafür auf Hö-hen getragen, wo man über den allgemeinen Ueberblick staunt; man siehtsich in Piegionen versetzt, wo leuchtende Gedankenblitze und überraschendeGleichnisse den Mangel an positiven Belehrungen vergessen lassen.
Um eine so ungewöhnliche Persönlichkeit nach ihrem wahren Verdienstezu würdigen, ist es erforderlich, einen Blick zu werfen auf den Zustand derMedicin in Deutschland zur Zeit des Theophrast.
Die Nachbarstaaten besassen mehr oder weniger Aerzte, die durch eige-nes Naturstudium oder durch umsichtige Bearbeitung des Ueberlieferten demErlernen wie der Ausübung der Medicin die rechte Bahn anwiesen; Italien hatte für die Anatomie einen de Ja Torre [-j- 1512], für die Kritik der AltenNie. Leonicenus [-j- 1524], Frankreich für die Behandlung der EntzündungenP. Brissot [-J- 1522]', für die Auslegung der Griechischen und ArabischenBeobachter S. Champier [-j- 1535]; nur im eigenen Vaterlande war noch kei-ner erstanden, der mit Macht auf die Erfordernisse einer besseren Lehre, aufden eigentlichen Born der Kunst hingewiesen; denn ein Martin Pollich , obgleich“Licht der Welt” geheissen [-j- 1513], dürfte wohl nicht als solcher gelten.
Die Aerzte waren in Secten getheilt, in Scotisten, Thomisten, Alberti-sten u. s. w. und stritten um Worte. Die Ausgezeichnetsten reis’ten nach Ita-