i 72 Der Oden andres Buch.
9?ie hab ich einen Sinn gesehen,
Der das so wenig hochgeschäht,
Was sonst ein weiblich Herz ergeht,
Als von der Seligsten geschehen.
Nie hab ich einen Geist gespührt,
Der weniger nach Hoheit strebte,
Der minder an der Wollust klebte,
Den weniger der Geiz gerührt,
Als den, der Tugend und VerstandIn meiner Gattin Brust verband.
Wie angenehm war nicht im SchreibenIhr ausgekernter deutscher Kiel,
Der auch den Kennern wohlgefiel,
Die selbst der Schreibart Regeln treiben.Wie reich war nicht ihr Geist geschmückt!Denn weil ein sinnreich BücherlesenVorlängst ihr Zeitvertreib gewesen:
So ward er fähig und geschickt;
So nahm ihr Witz und kluger ScherzFast jedem, der sie sprach, das Herz. ^
An statt der Perlen und Juwelen,
Der Nahrung stolzer Eitelkeit,
Gefiel ihr nur ein reinlich Kleid,
Der Schmuck wahrhaftig edler Seelen.
Oft lachte sie die Einfalt aus,
Die sich, um solcher Zierde willen,
Mit Stolz und Hochmuth pflegt zu füllen,Als war ihr Leib ein Götterhaus;
Als würd er durch die PhantaseyDereinst von der Verwesung frey.