Buch 
Herrn Johann Christoph Gottscheds ... Gedichte / Johann Christoph Gottscheds / gesammlet und herausgeben von Johann Joachim Schwabe
Entstehung
Seite
557
JPEG-Download
 

Sechs und zwanzigstes Schreiben. §57

** lobst mich gar zu sehr, und sehest keinen Reim,

! nicht die Schmeichelei durch süffes Honigseim,

^c>nz überzogen hat. Wie hab ich das verdienet?

> deine Muse sich nicht gar zu viel erkühnet?

! ^nn sie ein Lob besingt, das so verächtlich ist,

! ^ wo man überall der Wahrheit Spur vermißt.

! ?°ch daß du wissen magst, was mir im Sinne lieget:

! ^ glaube, daß mich nie ein Schmeichelwort vergnüget.

Dr,

Ich weis wohl,was du denkst. Mich dünkt,du rufst mir zu.

j-

e>n Freund! wer lobte wohl bisher so gern als du ?^nz recht, ich kenne mich, und will es frey gestehen,kan mich ebenfalls, wie sonst ein Mensch, vergehen.A habe gern gerühmt, und stimmte manches Lob

Dlit

3ir

großem Jauchzen an, das den und die erhob.

^weilen wußt ich gar aus den geringsten Sachen,

^ Stax und Mops verübt, ein Wunderding zumachen«^ Pries was Mäßiges als unvergleichlich an,

"d ob ich gleich dadurch der Wahrheit weh gethan:war die Absicht doch nicht völlig zu verwerfen;

^0

Hchsi

achte durch den Ruhm den Tugendtrieb zu schärfen.

gh^och, als die Weisheit mir nach diesem vorgestellt,fände nichts so schön und trefflich in der Welk,

^ ohne Tadel wär, und keine Flecken hätte:

^ ^ufzt jch oftermals mit jenem um die Wette,

^ stets mit Traurigkeit der Menschen Schwachheit sah,„ach des Pöbels Wahn, die größte That geschah.^ 'st denn, war mein Work, kein Sterblicher zu loben?^ aNrd denn all ihr Thun ganz unverdient erhoben?

'st denn keiue That in allen Stücken rein?la, wer loben will, der muß ein Lügner seyn.

Thalia