Geschichte der Seidenkultur etc. Einleitung.
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Seide und Seidenraupe. Franz v. Traucat, Cellius und Racine, sowieviele andere italienische, französische und deutsche Dichter widmen demkleinen, mysteriösen Insekt die erhabensten Gedichte.
Die mannigfaltige Art und Weise, wie das Seidengewerbe bei den verschie-denen Völkern gepflegt wurde, ist ein für die betreffende Nation und ihrenKulturgeist höchst charakteristisches Merkmal. Bei den Chinesen galt esals obligatorische Industrie für die Bauern, da die Landbevölkerung für denHof und Staat arbeitspflichtig war; demgemäss sehen wir sie hier von kleinenAnfängen an in demselben Mafse, wie die Alleinherrschaft und Staatsgewaltimmer mehr an Ausdehnung gewannen, zu einer eminenten nationalen Industrieheranwachsen; das Wohl und Wehe Chinas war mit den Erfolgen der Seiden-kultur, der Seidenweberei und des Seidenhaudels eng verknüpft, und dieleisesten politischen Unruhen inmitten des Landes vermochten diesen aufeine absolute Ruhe angewieseuen Knlturzweigen in kurzer Zeit einen sehr’ fühlbaren Schaden zuzufügen. In Byzanz wurde das Seidengewerbe durchdie selbstsüchtige Prachtliebe Justinians und sonstige Ursachen staatsöko-nomischer Natur zum fast ausschliesslichen Vorrecht der Krone und ver-mochte sich unter der drückenden Last des ärarischen Regime hier ebenso-wenig, wie ein Jahrtausend später in westeuropäischen Staaten, durch ähnlicheWirtschaftspolitik beeinflusst, zu einer wirklich lebensfähigen Industrie zueutfalten. Byzanz mit seiner seidengewerblicheu Thätigkeit liefert einen derschlagendsten Beweise dafür, dass eine Industrie sich weder durch staatliche,noch private Mafsregeln ebensowenig gewaltsam wie aus freien Stücken ein-führen lässt, sondern vielmehr aus natürlichen Umständen, die durch denKulturzustand, das materielle und geistige Vermögen der Nation und ihreHandelsbeziehungen bedingt werden, entspriesst und in langsamer aber sichererEntwickelung aus dem Gewerbe zum Grossbetrieb wird. Bei den Römern er-freute sich die Seide eines ungewöhnlich grossen Verbrauchs und kaum einzweites Volk hat seitdem diesen Seidenluxus zu überschreiten vermocht; nichts-destoweniger findet die geringe Entwickelung einheimischer Seidenindustrieihre Erklärung darin, dass die Ausübung des Gewerbes der geistlosen Sklaven-arbeit überlassen und nicht von einem so lebensvollen, nationalen Drang be-seelt wurde, wie dies beispielsweise bei den Arabern der Fall war. Dazu kamnoch, dass die Römer die Völker ausserhalb der engeren Reichsgrenzen, alsBarbaren, des Tragens seidener Prachtgewänder für unwürdig hielten undobwohl sie auch damit dem Konsum des eigenen Landes einen nationalenCharakter verliehen hatten, so beraubten sie die Industrie eines mächtigenihre Lebensfähigkeit bedingenden Impulses, des auswärtigen Handelsverkehrs.Wesentlich anders verhielt es sich mit dem charaktervollen Araberstamm,der dem Seidengewerbe auf religiöser Basis einen hochkulturellen Charakterverliehen hat.
Die Seide, obwohl ein Luxusartikel, vereinigt mit dem Schönen zugleichdas Nützliche; thatsächlich giebt es kein anderes Webmaterial, das ein soeinnehmendes und glänzendes Äussere neben ebenso wertvollen inneren Eigen-