Dritter Abschnitt.
Die wilden Seiden.
Es ist schon früher erwähnt worden, dass es ausser dem B. inori undseinen Abarten noch eine ganze Reihe von Seidenspinnern giebt, die daszu ihrer Verwandlung in die Puppe nötige Gehäuse ebenfalls aus einerseidenen Hülle hersteilen, in ihrer Lebensweise aber wie in ihren Erzeug-nissen von der gewöhnlichen Maulbeerraupe ziemlich verschieden sind. Essind dies die, vorwiegenderweise in den tropischen Ländern zahlreich vor-kommenden seidenspinnenden Insekten, welche in naturwildem, ungezüchteteniZustande leben und deswegen im Gegensatz zu dem echten B. mori denNamen „wilder Seidenspinner“ führen. Ihre äusseren Unterschiede sindbereits früher erwähnt worden. In anatomischer Beziehung ist der Bauder Seidendrüse bemerkenswert; derselbe unterscheidet sich von dem desB. mori dadurch, dass die Sammeldrüse stark zusammengewunden, und dieExkretionsorgane bedeutend umfangreicher und zusammengesetzter sind,worauf auch der eigenartige Bau der wilden Seidenfaser zurückzuführen ist.
Dass die wilden Seidenspinner seit uralten Zeiten verwertet wurden,geht aus den Forschungen auf dem Gebiete der orientalischen Litteraturhervor. Die im Sanskrit häufig als Festgescheuke angeführten Gewebe er-klärten einige der Übersetzer, wie Schlegel, für eine Art Seide, „bomby-cina“, die wahrscheinlich von einer wilden, möglicherweise Maulbeerraupeherstammte. Auch Heeren stimmt damit überein, indem er sagt, dass inIndien seit uralten Zeiten andere Seidenraupen als B. mori zur Seiden-gewinnung verwertet wurden. Dass die Kokons dieser Spinner nicht ver-haspelt, sondern verzupft' wurden, lässt sich, der Erörterung im geschicht-lichen Teil dieses Werkes nach, kaum mehr bezweifeln; dass es lediglichwilde Seiden waren, wird von Hiuen-Tsang bestätigt, der die indischeSeide unter der Bezeichnung „Kiao-tshe-ye“ (wilde Seide) anführt *); Ausser
') Voyage des pelerins buddhistes I. lib. 2.
Vie de Hiouen-Tsang, S. 258. Übers. Stan. Julien.