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Die Geschichtsforschung hat der gewerblichen Thätigkeit alter Kultur-völker, namentlich der Chinesen, Indier, Perser, Ägypter u. A. erst in derjüngeren Zeit grössere Beachtung geschenkt. Von diesen Völkern, unterwelchen viele ausgedehnte technologische Kenntnisse besassen, haben einigein den Gräbern und Denkmälern, andere in ihrer Litteratur Schätze hinter-lassen, die der Nachkommenschaft ein Bild über deren Kulturzustand ver-schaffen; doch sind hier leider fast durchgeheuds nur spärliche Angabenüber die Textilindustrie im allgemeinen, und das Seidengewerbe im speziellenvorhanden. Umso wichtiger und bezeichnender in dieser Hinsicht ist die techno-logische Litteratur der alten Chinesen, deren Studium erst ganz neuerdings auf-genommen wurde 1 ) und die namentlich für die Geschichte der Seidenindustriedeswegen von bedeutendem Interesse erscheint, weil unter allen Völkern desAltertums es ausschliesslich die Chinesen waren, denen die Seidenzuchtseit allerlängster Zeit bekannt war und welche allein die Kunstfertigkeit der.Seidenverarbeitung besassen. Es sei damit nicht gesagt, dass die Natur inder Verteilung der Flora und Fauna andere Länder mit Maulbeerbaumund Seidenraupe übersehen hat, sondern nur vorausschickend betont, dassdie von den Chinesen verarbeitete Seide keine andere, als die echte weisseMaulbeerseide war, dass die letztere ausschliesslich in China ihre Heimatgehabt zu haben scheint und dass sie von hier aus nach allen übrigenLändern verbreitet worden ist. Schon aus der citierten Überlieferung vom„Mädchen mit goldenen Haaren“, worunter zweifellos die gelbe Seidenrassezu verstehen ist, und aus seiner chinesischen Bezeichnung „kin-kül-tsen“— das Kind der goldenen Fahne — geht mit Sicherheit hervor, dass diegelbe, damals Avohl nur halbkultivierte oder gar wilde Seidenrasse eher inIndien, als in China ihre ursprüngliche Heimat besass, und dass siein China nicht seit so vielen Jahrtausenden, wie die weisse, mit vielerSorgfalt gezüchtete Rasse bekannt war; denn die Bezeichnung und dasSignum der goldenen Fahne (kin) ist erst im VIII. Jahrhundert vor Chr.aufgetaucht und festgestellt w'orden s ). Wie geschichtliche Forschungenergeben haben, ist China im allgemeinsten Sinne des Wortes als das Hei-matland der echten weissen Maulbeerseide aufzufassen, und dem chinesischenVolke gebührt das Verdienst, den Anfang zu einer regelmässigen und mitKunst betriebeneu Seidenzucht und Seidenindustrie gelegt zu haben. Es mögedaher in erster Linie die Geschichte der Seide in China erörtert werden.
Der Maulbeerbaum und die Seidenraupe erscheinen in den allerältestenDenkmälern der chinesischen Nationallitteratur. Die Seidenzucht und dieVerarbeitung der Seidenfaser hat im Kulturleben der Chinesen stets einenso wichtigen Platz eingenommen, dass hierüber nicht nur die Geschicht-schreiber Chinas die genauesten Angaben geliefert haben, sondern auch die
*1 Die Kollektion: „Memoires des missionaires sur laChine. Pauthier, L’histoirede la Chine. Klaproth, Les tableaux historiques de l’Asie. The Chinese miscellanyon the silk manufacture and cultivation of the mulberry. Shanghai.
! ) Pariset, L'histoire de la soie.