Neue Quellen Byzantiens.
31
Jahrzehnt, bevor die Seidenindustrie der Griechen ihren gewaltigen Bedarfganz durch einheimische Rohseide zu decken vermochte. Ausserdem begingJustinian von neuem den Fehler einer Verstaatlichung der Seidenkulturund hemmte ihre freie Entwickelung unter den breiteren Volksmassen.Immerhin nahm die byzantinische Seidenzucht im Laufe der Jahre genügendan Umfang zu, um dem fortbestehendeu Mangel an Rohseide einigermassenabzuhelfen. Namentlich im Peloponnes nahm sie einen bedeutenden Auf-schwung, der dadurch gekennzeichnet ward, dass dieses Land infolge dervielen Maulbeerplantagen seinen Namen in Morea umwandelte.
Nach dem Emporschwingen des mächtigen türkischen von den Chi-nesen Tu-kiu genannten Sogdianerstammes veränderte sich die Situationim Rohseidenhaudel insofern zu Gunsten der byzantinischen Industrie, alsdiese dadurch von den Parthern unabhängig wurde. Jenes Volk, welches fastganz Turkestan bis zu den Grenzen Chinas beherrschte 1 ), besass eine nichtunbedeutende Kultur und übernahm mit Erfolg die Vermittlerrolle imSeidenhandel Chinas mit dem Abendlande. Wie die Türken diese Be-ziehungen angeknüpft haben, geht aus dem Folgenden hervor. Menander 2 )erzählt uns den Besuch Maniakhs, des Gesandten des Türkenhauses Di-zabul am persischen Hofe, wo er eine sehr unfreundliche Aufnahme ge-funden haben soll; der Perserkönig Chosroes erkaufte bei der türkischenGesandtschaft den gesamten Seidenvorrat und liess ihn öffentlich ver-brennen, um den Beweis zu liefern, dass Persien der türkischen Rohseidenicht bedürfe. Der wirkliche Thatbestand lag jedoch darin, dass die sassa-nidischeu Könige in jeglichem Verkehr mit jenem eroberungsüchtigen Volkeeine Gefahr für das Bestehen ihrer Herrschaft erblickten; sie verbotendaher den Unterthanen irgend welche Beziehungen mit den Sogdianern zuunterhalten, wodurch ihr eigener Seidenhandel in Stockung geriet. Dieleistungsfähigen Sogdianer suchten nach diesem Misserfolge andere Absatz-gebiete auf und so gelaugten sie, wie Menander schildert, nach einermühevollen Reise über den Kaukasus und durch das südliche Russland (dieSeewege hatten die Parther überall für sie verschlossen) nach Byzanz(568). Es sind Anzeichen vorhanden, dass, entgegen der Meinung Klap-roths 3 ), der von Maniakh befolgte Weg über das südliche Russland , trotzseiner Unbequemlichkeit, später als wichtiger Handelsweg, vermittelsdessen die Seide nach Europa gelangte, während längerer Zeit benutztwurde 4 ). Mit stolzem Selbstbewusstsein konnte Justiuian dem Maniakh,zum grossen Erstaunen des letzteren, Seide eigener Zucht vorzeigenund von ihm das Zugeständnis ihrer vollkommenen Güte erlangen. DerHandelsvertrag wurde abgeschlossen und längere Zeit hindurch führten
*) Klaproth, Tableaux histoviques de l’Asie, S. 112.
2 ) Men. Excerpt. Ed. Niebuhr. S. 295.
8 ) Klaproth, Tableaux historiques du Caucase,. Paris 1827.*) Gamba, Voyage dans la Russie meridionale, Paris 1826.
' -■
■ ( V-.ö