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Seidenimlustrie des XIX. Jahrh. Gewebeornamentik.
Schon früher sind die Ornamentstile der Seidengewebe jeder Knnstepocheund bei allen in Betracht kommenden Völkern so eingehend, wie irgendangängig, erörtert worden; es möge deshalb nur noch eine allgemeinere Be-sprechung dessen folgen, was in unserer Epoche des zielbewussten Strebensbei Musterung der Seidenstoffe zu berücksichtigen ist.
Die Musterung des Gewebes, als eines Gegenstandes, der sowohl fürBekleidungszwecke des Menschen, als auch für die Ausschmückung seinerWohnräume dient, hat sich seiner künstlerischen Fürsorge von jeher mehrdenn alles andere zu erfreuen gehabt und spiegelte gleichzeitig das Charak-teristische seines Kulturzustandes und der Kunstrichtung auf das Getreuestewieder. Ja, der Gewebemusterung wird von vielen eine hochkulturelle Be-deutung beigemessen; und der Grundgedanke des jetzt zwar veralteten, aberfür seine Zeit bahnbrechenden Werkes Gottfried Sempers „Der Stil intechnischen und tektonischen Künsten“: die Theorie vom Bekleidungswesenals den Ursprung aller monumentalen Baukunst anzusehen, deckt sich mit'obiger Ansicht, obwohl wieder von anderer Seite der folgenschwere Lehr-satz von der ursprünglichen Identität der Flächenverzierung und Textil-ornamentik in Abrede gestellt wird 1 ). Wie dem auch sein mag, so lässtsich nicht leugnen, dass in der Gewebemusterung, und namentlich in derder Seidenstoffe, das höchste Streben der Webekunst zum Ausdruck ge-laugt; nicht nur der Zeitgeist und Charakter der Nation, sondern auch ihrReligionskultus spiegelt sich wieder. So erkennen wir in der spärlichen,hieroglyphischen Zierweise der ägyptischen Gewebe die mystische Auffassungder Pflanzen- und Tierwelt und ihrer Beziehungen zum Kultus; in denaltpersischen Ornamentformen und ihrer gravitätischen Regelmässigkeitweht uns an der Geist der in Selbstbewuuderung versunkenen Macht, sowieder tiefen und zugleich starren Religiousideen; und welch’ hohe symbolistischeBedeutung endlich lässt sich der arabischen Gewebemusterung beimessen!
Fragen wir nach den Ursprungsquellen, aus denen die Gewebe-musterung hervorgegangen ist, so ist die gewöhnlich erfolgende Antwort,dass dies die Naturformen seien, also lebende oder bewegungslose Natur-erzeuguisse. Das ist aber nur insofern richtig, als einerseits das vorherrschendeStreben der Menschheit dahin ging, die tüchtigste und vielseitigste Muster-zeichneriu der All weit, die Natur, in allen ihren sichtbaren Erscheinungenzu kopieren, und als andererseits dem Kulturmenschen von altersher jedeKünstelei fernlag. Im Gegenteil, es darf gesagt werden, dass die Phantasieund Schaffenskraft schon zu jener Zeit, und gerade dann zum stärkstenAusdruck gelangt sind, als von einem Kopieren der immerhin ziemlichkomplizierten Naturformen aus technischen Gründen noch Abstand g e 'nommen werden musste. Geometrische gerade und krumme Linien, spätereinfache und zusammengesetzte Figuren, Dreiecke, Zweige, dann Kurven*Verschlingungen u. s. w., als Naturkonturen gar nicht denkbar, treten uns