Band 
Zweiter Band.
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Dritter Abschnitt.

Die Physik und Chemie der Seidenfaser.

Den Ruf der edelsten und schönsten aller Textilfasern verdankt dieSeide vor allem ihrem Ausseren. Sie besitzt einen unvergleichlich schönenGlanz, der nur ihr eigen und so charakteristisch ist, dass man bestimmteArten von Lichtreflexeu, welche an diesen perlmutterartigen Glanz derSeide erinnern, als „seidenglänzend“ zu bezeichnen pflegt. Der Seidenglanz,der bald stärker, bald schwächer auftritt, erklärt sich aus der Art der Ex-kretion des Kokonfadens. Bei derselben entsteht ein voller, homogener Fa-den von durchaus glatter Oberfläche und beinahe genau zylindrischer Form.Das Lichtspiel, welches bei der Seidenfaser und besonders später bei ge-webten Stoffen zur Geltung kommt und denselben unvergleichliche Effekteverleihen kann, ist auf das sehr starke Abstrahlungs- und sehr geringeLichtabsorptions- und Brechungsvermögen der Faser zurückzuführen. Ob-wohl der Glanz der Seide durch natürliche Eigenschaften bedingt ist,hängt er doch in hohem Mafse auch von der Art und Weise ihrer Gewin-nung ab. Er würde sogar verschwinden, wenn ihn nicht eine sachgemässeBehandlung bei der Aufbereitung der Kokons erhielte. Bei der weiterenVerarbeitung sucht mau ihn noch künstlich zu steigern.

Die Farbe der reinen Seidenfaser, des Fibroins, ist weiss; der den Ko-konfaden umschliessende Seidenleim indessen ist stets mehr oder weniger ineiner für die Rasse charakteristischen Weise gefärbt. Daher erscheint auchdie rohe Seide in verschiedenen Nuancen, von Grün und Weiss bis zu Gelb undOrange. Uber die Art der Bildung und die Natur des natürlichen Farb-stoffes der Seide sei auf die betreffenden Kapitel im physiologischen und imchemischen Teile des Werkes verwiesen.

Neben dem Glanze ist als charakteristisches Merkmal der Seide derGriff beim Anfühlen derselben hervorzuheben. Er kommt, wie der Glanz,nur der reinen, entbasteten Faser zu und hängt wesentlich von der chemi-schen Verarbeitung derselben beim Abkochen, Färben und Erschweren ab.Ohne diese speziellen Gebiete jetzt auch nur berühren zu wollen, möge er-

Silbermann, Die Seide. II. h i