198
Einwirkung der Alkalien.
Fett ist nach Cramer wahrscheinlich ein Alkohol oder ein Aldehyd, dessenSäure eines der obersten Glieder der Fettreihe ist. Durch dieses Fett wirdzum Teil der starke Glanz der Seidenfaser bedingt.
Von allen Reagenzien sind Alkalien von durchgreifendster Wirkungauf die Seide. Wie alle Proteinkörper wird die Seide von starken kausti-schen Alkalien auch schon bei niedriger Temperatur leicht gelöst. In derRohseide greifen dieselben zuerst das Sericin und erst dann das Fibroin an.Besonders schnell wird die Seide von warmen Alkalihydraten gelöst, wobeiin erster Linie neben geringen Mengen von Ammoniak und zusammen-gesetzten Aminen Kohlensäure, Ameisensäure und glucoproteinartige Pro-dukte auftreten. Unter der Einwirkung von sehr konzentrierten oder ge-schmolzenen Alkalien verliert die Seide einen grossen Teil ihres Stickstoffsin Form von Ammoniak, wobei geringe Mengen der Leucine und das Ty-rosin entstehen, von denen ein Teil sich zersetzt und in Oxalsäure, Essig-säure und ihre Homologe (Buttersäure, Yaleriansäure etc.) übergeht. AlsProdukte der fortschreitenden Molekülzersplitterung und der zufälligen se-kundären und vielleicht tertiären Synthese obiger unmittelbaren Disso-ziierungs- und Hydratierungsderivate können die auftretenden: Cyaukalium,Phenol (als Zersetzungsprodukt des Tyrosins), aromatische Amine, Pyrrol,Scatol etc. betrachtet werden.
Mässig konzentrierte alkalische Lösungen lösen die Seide unter An-wendung von Wärme innerhalb einiger Minuten auf, ein Verhalten, dasdazu benutzt worden ist, die Trennung der Seide von den pflanzlichen Fa-sern zu bewirken. Im Falle der quantitativen Bestimmung empfiehlt essich, möglichst starke, schnell wirkende Lösungen anzuwenden, da es er-wiesen ist, dass ein halbstündiges Kochen mit 12°/ 0 Natronhydrat auch dieBaumwolle teilweise in Oxycellulose umwandelt, und sie 12°/ 0 an Gewichtverlieren lässt 1 ).
Auch stark verdünnte Alkalien bewirken, abgesehen davon, dass sieden Bast auflösen, in der Faser selbst eine morphologische Veränderung,indem sie dieselbe ihrer Geschmeidigkeit und Weichheit und ihres Glanzesberauben, was insbesondere bei einiger Wärme der Fall ist. Des-wegen soll das Zusammenbringen der Seide mit alkalischen Lösungen mög-lichst vermieden werden und, wenn dies manchmal notwendig erscheint,z. B. in der Florettindustrie beim Entbasten der Seidenabfälle, soll ihreWirkung auf das Fibroin durch Innehaltung richtiger Temperaturgrenzenmöglichst beschränkt werden.
Von etwas milderer Einwirkung sind die Hydrate der Erdalkalien;Kalk und Barythydrat etc. bewirken indessen selbst in verdünntem Zustandemorphologische Prozesse. Eine klare Lösung von Kalk (Kalkwasser) er-schwert die Seide, die aufschwillt und nach dem Trocknen ein mattes und
*) Journ. of tbe Soc. of chem. Ind. 1893, p. 430.