218
Spezielle Reaktionen der Seide.
nach dem gründlichen Waschen mit Jodkali ihre dunkelgelbe Färbung bei-behält. Aller Wahrscheinlichkeit nach tritt hier eine chemische Vereinigungein, wie im allgemeinen bei den Amidosäuren, zu denen ja die Seide ge-hört 1 ). Da es nicht ausgeschlossen ist, dass dabei eine Oxydation vor sichgeht,,so können hier über die Art und Weise, wie die Halogene gebundenwerden, keine Schlüsse gezogen werden.
Das chemische Verhalten der Muschelseide gleicht im allgemeinen demder echten, nur ist ihr Stickstoffgehalt viel niedriger (12—13°/ 0 ). In Al-kalien löst sie sich viel schwerer und in Kupferoxydammoniak quillt sie nurstark auf. Durch Chlor und unterchlorige Säure (angesäuerter Chlorkalk)wird die Seeseide gebleicht, ohne in ihrem Gefüge stark angegriffen zuwerden, durch Alkalien wird die bräunliche Farbe wieder regeneriert.
Ein Beispiel dafür, dass die Seide suspendierte Niederschläge im wahrenSinne des Wortes zu absorbieren vermag, liefert die Thatsache, dass sieAmine, wie a- und ß-naphtylamin, als solche aus ihrer wässrigen Suspen-sion aufnimmt, während sie für deren Chlorhydrate keine Affinität besitzt 2 ).Die Absorption geschieht durch Vermittelung von Flüssigkeitsmolekülen 3 ).Da es nicht ausgeschlossen erscheint, dass diese Reaktion einmal praktischeAnwendung erhalten wird, so sei sie hier eingehender erörtert. Man löstdie Amine in Alkohol auf und giesst die Lösung unter Umrühren in vielWasser; die Seide bleibt in diesem Bade einige Stunden kalt liegen undwird dann nach dem Ausringen und schwachem Spülen unverzüglich durchein mit Salzsäure angesäuertes Nitritbad geführt. Die entstehende Färbung istseifenecht. Die Reaktion geht derart vor sich, dass sich die Basis im Badein die Diazoverbindung verwandelt, die mit dem Rest der ersteren ein ge-färbtes Amidoazoderivat liefert. Nur bei Wolle und Seide tritt diese Re-aktion ein, Baumwolle bleibt dagegen farblos, was für manche Artikel vonWert sein dürfte. Die Farben ätzen sich gut, namentlich mit Zinnsalz.Das a-naphtylamin liefert Braun, ß-naphtylamin Rotorange. Man kann indieser Weise mit Hilfe verschiedener aromatischer Amine, deren Parastellungfrei ist, eine Reihe mannigfaltiger waschechter Nuancen erzielen; auch kannman die verdickten Amine aufdrucken und durch ein Nitritbad führen. DieSeide absorbiert noch viele andere Verbindungen aus ihren wässrigen Sus-pensionen, wie Naphtylaminsulfosäuren, Naphtolsulfosäuren, Naphtole, kar-boxylierte Säuren, Diazonaphtaline u. s. w. Es ist festgestellt worden, dassdie mit Naphtylaminen präparierte Seide nach dem Trocknen lichtempfind-lich wird. Die Absorptionsfähigkeit ist auch den Diazo- und Tetrazoverbin-dungen eigen, z. B. der Naphtylamine oder Dianisidine. Die Aufnahme ge-schieht in diesem Falle im Gegensatz zu der von freien Aminen in wasch-echter Weise. Die absorbierten Diazoverbindungen können naturgemäss mitPhenolaten, Naphtolaten, Aminen und Diaminen kopuliert werden. Das
') Hoffmann, Ber. d. d. ehern. Ges. XVII. 1406. — s ) Pokorny, Bull, de laSoc. ind. de Mulhouse. 1893. 282. — 8 ) Werner, ibid. 286.