Doppelter Charakter der Seide als chemisches Individuum.
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Was die Reaktion beim Kochen der Seide mit verdünnten Säuren an-langt, so ist hier die Zersplitterung des Moleküls infolge der schwächerenHydratierung nicht so weitgehend, wie bei der Einwirkung des Barythydrats.Da man dabei in der Regel keine Oxysäuren erhält, so scheint die Zer-setzung der im ersten Moment entstehenden Glucoproteine nur eine teilweisezu sein, indem nur die Ketogruppen, nicht aber die Karbohydrüre C„H 2hhydroxyliert werden. Allerdings erhält man aus dem Sericin das Serin,eine Oxysäure, doch scheint dies darauf zu beruhen, dass der Seidenbasteine bereits oxydierte Gruppierung enthält, die durch Wasserzufuhr in dieSerinbindung übergeht. Die Reaktion mit verdünnter Schwefelsäure lässtsich in folgender Weise veranschaulichen:
fl OH lf : OU H OH
CO. CJI 2 „. NH. | CO . C,H if . NH. CJf 2m . N: CO
Im allgemeinen besitzt das Fibroin einen ziemlich ausgesprochenen ba-sischen Charakter, während das Sericin sich wie ein schwach saurer Körperverhält.
Suchen wir nach dem Analogon des Seidenbastes unter anderen Ge-spinstfasern, im speziellen unter den Pflanzenfasern, so lässt sich eine grosseÄhnlichkeit der chemischen Funktionen zwischen dem Sericin der Rohseideeinerseits und der die reine Cellulose in der rohen Bastfaser umgebendenoder „inkrustierenden“ Holzsubstanz (Lignin) andrerseits feststellen. Beideentstehen durch unmittelbare Einwirkung des Lnftsauerstoffs auf die eigent-liche Faser, das Fibroin resp. die Cellulose, und zeichnen sich sowohl durchgrössere Reaktionsfähigkeit im allgemeinen, wie auch durch mehr Affinitätden Farbstoffen gegenüber aus. Diese Analogie tritt beim Vergleich mitden wilden Seiden noch deutlicher hervor, da, wie bekannt, sowohl dieHolzsubstanz, wie das Tussahsericin Gerbstoffe enthalten und das letzterenicht nur oberflächlich, wie bei der echten Seide abgelagert ist, sonderngleich dem Lignin die ganze Faser durchdringt.
Fassen wir alles zusammen, so ergiebt sich, dass die Seide ein in seinerStruktur sehr komplizierter Körper ist, dessen allgemeiner Charakter mitdem einer Amidosäure zu vergleichen wäre. Thatsächlich sind es nur freieAmido - und Karboxylgruppen, welche in erster Linie als Repräsentantender Seide in die Reaktion eintreten und den chemischen Charakter derFaser bedingen. Der ganze aus der Formel ersichtliche Bau der Seide: derAmido- (bezw. Imido-) und Karboxyl - (bezw. Keto-) Gruppen an ein zwei-wertiges Radikal C„Ii 2n gebunden, entspricht im grossen und ganzen einerAmidokarbonsäure, einem Körper von doppeltem Charakter. Die Gegenwartbasischer NII 2 - und saurer COOJI -Gruppen verleiht der Seide eine doppelteWirkungsweise, welche hauptsächlich im Verhalten dieser Faser gegenüberden Farbstoffen zu Tage tritt. Die basischen Farbstoffe, wie die Rosaniline,