6
Schachmythologie.
eine Schrift Fi Tefdhil esch-Schatrendsch ula ’l-Xcrd ( über den Vorzug desSchach vor dem Nerd) verfasste, sagt, denn Legenden werden mit demAlter immer kräftiger, schon ganz bestimmt: „Fragt man mich, ob ich denNamen des Erfinders dieses Spieles und des Königs, für den es erfundenworden, wisseV so sage ich, ja. Sissa, ein indischer Weise, ein Sohn desDähir hat es ausgedacht. Es hat es für den König Indiens , Schahramerfunden. Es nennen ihn inzwischen einige Belhit“ u. s. w. In dempraktischen Englande opfert die Schachwelt dem Ca'fssa, und in meinembedächtigen Vaterlande heisst die Schachzeitung Sissa.
Das mit der Legende vermischte und ganz nach indischem Geschmackangelegte Rechenexempel mit den Waizenkörnern, hängt an sich nicht mitdem Schach, sondern überhaupt blos mit der Existenz eines Spielbrettesvon 64 Feldern (auf das ich später zurückkomme) zusammen. Die Inder,die Lehrer der Araber in der Arithmetik, liebten, in Uebereinstimmungmit ihrer sich überall kundgebenden Maasslosigkeit, solche grossartige Be-rechnungen. Haläyuda, der „allem Anschein nach gegen Ende des 10.Jahrhunderts lebte“, nennt die Felder im Tschaturangaspiel (s. das ind.Vierschach p. 4, Note 2) Kornkammer, die Araber und nach ihnen nochheute die Spanier, Italiener, Franzosen, nennen Schachfeld Haus (arab. beit,
p. 62, bei Hyde £ 4 * 04/0 gefunden, ist nicht ersichtlich). Der anonyme Verfasserdes hebräischen Maadimne Melech schreibt i-iXU, wofür in der Ausgabe 1726Bl. 10 b riS’S, schwerlich eine kundige Restitution. Für Sissa findet sich Nasirben Dahir im Ferhenghi Sururi bei Hyde (p. 50), aber nirgends, so viel ich weiss.(Sissa ) „ben Nasir“, wie er (p. 62) anführt.
Aus indischen Quellen hat selbstverständlich bis jetzt Niemand den ara-bischen Sissa ben Dahir nachgewiesen. Bland (p. 62) hält Sissa für eine Ver-stümmelung von Xerxes , Forbes constatirt (p. 70) mit üblicher Unverschämtheitin Kürze, dass Sassa und Daher zwei „real personages“ sind, beide brahmanisebeFürsten gegen Anfang der mubammedanisehen Aera. „ln fact“ sei Sissa der ersteindische Fürst, mit welchem die Araber in Berührung kamen u. s. w. Ist denndies angebliche Factum, von dem Kenner wie Weber nichts wissen, ein so be-kanntes, dass es nicht einmal eines Nachweises bedurfte? — Unter solchen Um-ständen wird auch eine ferner liegende Hinweisung Steinschneider's gestattet sein.Eine Aufzählung indischer Autoren über Astronomie, Medicin u. s. w. findet sichim Fihrist (p. 271, vgl. Zeitschrift der Deutsch . Morgenl. Gesellsch. XIII, 029)und bei Ihn Abi Oseibia (Cap. XII, englisch von Cureton mit Anmerkungenvon Wilson, im Journal of the Royal Asiatic Society VI, 1841, pp. 105 ff.; neuereBesprechungen sind angeführt von M. Steinschneider , die toxicologischenSchriften der Araber bis Ende des XII. Jahrhunderts, aus dem Archiv für pathol.Anatomie etc., herausg. von Virchow. Bd. LII, Berlin , 1871, p. 344. In jenerAufzählung erscheint ebenfalls der, allerdings arabisch klingende Name Dahir(vgl. auch Dnhri, Materialist, s. Steinschneider’s Alfarabi, Petersburg 1869, p. 10,240), in welchem Wilson am a. 0. p. 117) den Inder Sri Dhara vermuthet. Ihmgeht unmittelbar ein Name voran, der in Handschriften leicht zu zasj \o
werden kann. Es wird also wenigstens die Frage erlaubt sein, ob etwa aus die-sen beiden Namen der angebliche Sissa ben Dahir entstanden sei?
In der arabischen Tradition wurden gute Schachspieler, wie Ledschladscli,as-Suli u. a. zu Erfindern. In einer Bodleyanischen arabischen Handschrift (beiAlex. Nieoll, Bibi. Bodl. Codd. Cat. II. Oxon. 1835 fol. p. 340) wird Sissa ibnDähir el-Hindi (der Inder) als Autor eines „Schema ludi Scacchorum“ genannt,d. h. es wird dem mythischen Erfinder irgendwo eine Spieleröffnung oder ein Pro-blem beigelegt.