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Seliachromantik.
Die Regierungszeit des sehr kulturfreundlichen Bruders Mamün wirdmit ganz andern Farben gemalt. „Die religiösen Ansichten, welche Mamündurch das Studium der Philosophie sich angeeignet hatte — auf seinenBefehl geschah es, dass viele Werke aus dem Griechischen und Syrischen in’s Arabische übersetzt wurden — hatten ihn toleranter gegen fremde Re-ligionen als gegen seine eigenen Glaubensgenossen gemacht. Die Frageüber das Erschaffensein oder Nichterschaffensein des Korans, die schonBischr al-Marisi unter Harün behandelt hatte, und die später sogar Blut-vergiessen herbeiführte, sollten Glaubensedicte zur Entscheidung bringen.Ein solches erschien im Jahre 212 = 827. Es war doppelt. Erstens ver-langte es die Anerkennung, dass der Koran bei der allgemeinen Schöpfungdieser Welt miterschaffen worden, durchaus aber nicht etwas von Ewigkeither Existirendes [der Kampf um die ofioovöia oder opoiovalct Christi], undzweitens, dass All nach Muhammed der vollkommenste Mensch sei. Mamünhatte in seiner Bibliothek, dem Hause der Weisheit Beit el-hikma, einengrossen Bücherschatz zu vereinigen gewusst. Ihr Inhalt muss nach allenSeiten hin, soweit die Wissenschaft durch Denkmäler vertreten war, einganz ausserordentlicher gewesen sein und die seltensten Dinge, wie viel-fache Andeutungen ahnen lassen, vereinigt haben. Seine Bibliothekarewaren die freisinnigsten Männer und sorgten unermüdlich für die Vermeh-rung dieser Schätze und Zugänglichmachung derselben. Mamün’s Zeitalterwar reich an ausgezeichneten Gelehrten, und seine Anerkennung des Werthesder alten griechischen Musterwerke brachte ihn dahin, sich aus dem ganzengriechischen Gebiet, vorzüglich auch von Cypern aus dergleichen herbei-schaffen und übersetzen zu lassen. Jetzt wurde den Mohammedanern zuerstPlato und Aristoteles bekannt, jetzt nach Euklid auch Ptolemäus , Hippo-krates und Galen; jetzt wurden sie allgemein zugänglich und schlugen vor-züglich in den altpersischen Provinzen, selbst jenseits des Oxus , tiefe Wur-zeln. Es konnte nicht fehlen, dass die Schiiten durch die Hinneigung zudenselben sich immer mehr von den Sunniten entfernten, und selbst Mamünwird von diesen noch heute als Schismatiker (Mutazelit) betrachtet. Vor-züglich hatte Mamün in Merw der Wissenschaft gelebt, und wir haben,ausser andern Unternehmungen die mathematischen und astronomischenWissenschaften zu fördern, astronomische Tafeln, die, da sie auf seinen Be-fehl aufgesetzt wurden, noch heute seinen Namen führen. Er war ge-schworner Feind aller Schwärmerei, und die Erforschung der Wahrheitging ihm üher Alles, und da er wusste, dass diese das Eigenthum derganzen Welt sei, war sie ihm lieb, wo er sie fand, bei Mohammedanernoder Andersgläubigen. Ein Mann, der vom Pferde herab, ohne den Fussaus dem Steigbügel zu heben, in Damaskus 24 Millionen Dirheme vertheilenkonnte, der sich mit Dichtem und Gelehrten, vorzüglich früher, lieber unter-hielt als mit Staatsmännern und Feldherren, wie sollte dieser bei seinerFreigebigkeit und Wissenschaftlichkeit nicht der Maecen der arabischenGelehrsamkeit genannt werden dürfen V Dabei verfuhr er keineswegs ein-seitig; denn nicht nur die exacten Wissenschaften und die theologische för-derte er wie er konnte, sondern ebenso die historischen und humanistischen,welche letzteren neben den rein sprachlichen z. B. Grammatik auch dieschöngeistigen z. B. die Dichtkunst umfassten“ (Flügel am a. 0. pp. 211—15). In der That wäre das Zeitalter dieses Mäcens äusserst geeignet