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Die Menschen in der Dämmerung des Halbbe-wußtseinS wollen um so mehr nach dem Tode fort-leben, je weniger sie im Leben das Menschsein erfüllten.Man kann die Mfahrung machen daß die welcheviel gelebt und gewirkt haben am liebsten sterben,und am wenigsten nach einem zukünftigen Leben ver-langen, sondern mit heiterem Sinne der Ruhe ent-gegensehen. Und was soll der thun welcher weniggelebt und gewirkt aber viel gelitten hat und inseiner Entwickelung verkümmern mußte? Er mag, wennes ihm an der inneren Kraft gebricht auch in derVerkümmerung der Entwickelung die Würde seinesWesens zu behaupten und damit befriedigt zu sein,sich mit jedem Glauben trösten der ihm Trost ge-währt; — aber er soll, unter allen Umständen, dasGute lieben und das Böse hassen, und seine Liebewie seinen Haß auf seine Nachkommen vererben,damit Späterlebende ein besseres Schicksal haben! —Wenn es nun die einzige Bestimmung des Men-schen ist als Mensch zu leben und zu wirken, so kanndiese Bestimmung nur auf individuelle Weise nachder eigenthümlichen Natur eines Jeden erfüllt werden,weil das menschliche Leben individuelles Leben ist.