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Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich 1850 bis 1860 / von G. v. Escher
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carno, um dort die Ordnung zu handhaben. Es gelang ihnen aber nur mit Mühe, die Erbitterungdes Volkes in den gesetzlichen Schranken zu halten. Bald nahm die Bewegung eine andereWendung. Auf die Nachricht von der Ermordung Degiorgi's begab sich eine Menge von Bauernnach Locarno, , welche die delegirten Regierungsmitglieder nur dadurch unter ihre Leitung bringenkonnten, daß sie dieselben in ihren Dienst nahm. Donnerstag den 22. Februar war großerWochenmarkt in Locarno . Es wurde eine Volksversammlung abgehalten., in welcher ein Ausschußbestellt wurde, der sich sofort durch den Telegraph mit verschiedenen einflußreichen Bürgern aus allenTheilen des Kantons in Verbindung setzte, und zu einer zahlreich zu besuchenden Versammlung inBellenz auf den 24. Februar aufforderte. Um Mittag des festgesetzten Tages zog eine Kolonnevon 400 bewaffneten Männern unter Anführung des Hauptmanns Pagnamenta, den Ausschuß ander Spitze, in Bellenz ein, wo sie von einer Abtheilung von zirka 100 bewaffneten Bürgern mitJubel empfangen wurden. Man hielt nun eine Versammlung, in welcher der Ausschuß, der sich denNamenLiberales Konnte" beigelegt hatte, durch 4 Mitglieder verstärkt wurde. Vor ihrer Auf-lösung genehmigte die Versammlung noch die Grundzüge einer Petition an den Staatsrath, welchedas Programm der Bewegnng bildete; dieselbe wurde noch am nämlichen Tage verfaßt und ein-gereicht. Sie verlangte sofortige Einberufung des Großen Rathes, um:

1. über die Verfassungsreform und Erneuerung der Behörden,

2. über die Annahme des Gesetzes betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Geistlichkeit unddie Ausschließung der Geistlichen vom Großen Rathe,

3. über die Maßnahmen zur Unterdrückung der reaktionären Presse und

4. darüber zu berathen, daß die Unkosten dieses Voiksaufstandcs nicht dem Staate zur Lastfallen möchten, sondern von den Reaktionären, welche das Volk zu diesem Schritte genöthigthatten, getragen würden

Die Regierung that nun den einzig den Verhältnissen angemessenen Schritt, indem sie sichmit dem Volke verbündete und dadurch verhinderte, daß die Bewegung den Charakter einer Revo-lution annahm.

Während sie nun der eingereichten Bittschrift in den drei ersten Punkten alle Rechnung trug,wies sie den vierten mit Entschlossenheit ab, und berief den Großen Rath sofort auf den 28. unddie bereits seit einem Jahr bestehende Verfassungsrevisionskommission auf den 26. Februar, damitder Große Rath sich mit den Hauptfragen beschäftigen könnte. Am 25. Februar zeigte derliberale"Ausschuß seine Einsetzung zum Schutze der Behörden und der Ordnung dem Volke durch eineProklamation (Pronunciamento") (s. Beilage Nr. 3) an. Auch hatte die Volksversammlung vom24. die militärischen Führer bezeichnet und sie sämmtlich unter den Chefs der regelmäßigen Landes-milizen gewählt. Für den Unterhalt dieser improvisirten Bürgerwehr mußte gesorgt werden, wasnun mittelst eines von den drei Hauptorten schon unterm 23. Februar verlangten und durch Erlaßvom 26. Februar auf 275000 Fr. erhöhten Anleihens ermöglicht wurde. Die Regierungsstatthaltererhielten den Auftrag, die Beiträge, welche die vermöglichern Bürger zu leisten hätten, ohne Parter-rücksicht festzusetzen, und wo dieß nicht im Sinne des Auftrags der Regierung geschah, wurde derBefehl gegeben, die Beiträge da, wo Parteilichkeit Platz gegriffen hatte, auftragsgemäß auszugleichen.Die Bewegung verbreitete sich schnell über den ganzen Kanton, und bald standen 6000 Mann unterden Waffen, denen täglich 2 Fr. 50 R. auf den Mann bezahlt wurden, mit der Bedingung, für