Band 
Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
Seite
6
JPEG-Download
 

6

Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.

bezweifeln, der überdies zwar auf eine grobe, aber keineswegs tierische Gesichtsbildungund überhaupt auf ein menschliches Wesen schließen ließ, das sich an Aussehen undIntelligenz von den heutigen Indianern Nordamerikas nicht allzusehr unterschieden habenmag. Allein die Luftschicht, der diese Reste entnommen waren, hat noch andre bemerkens-werte Gegenstände geliefert, nämlich eine große Anzahl steinerner Gerätschaften, diedurchweg von Menschenhand gefertigt und zum Teil durchbohrt und geschliffen waren. Damitist nicht nur das Dasein der Tertiärmenschen in Amerika erwiesen, sondern wir erkennenauch, daß dieser Mensch auf keiner ganz niederen Kulturstufe gestanden haben muß.Ähnliches ist durch die Funde Ameghinos in den südamerikanischen Pampas nachgewiesen,wo der Mensch in dieser weit entlegenen Zeit bereits bewaffnet den riesigen Tieren derTertiärzeit entgegentrat und seine Bente mit Hilfe des Feuers zubereitete. Interessantgenug ist dieses frühe Erscheinen des Menschen in Amerika zu einer Zeit, in der dieErdoberfläche noch keineswegs ganz die gegenwärtige Gestalt hatte, zu einer Zeit vorallem, die die mächtigsten Gebirge der Erde, die Alpen, den Himalaya und die Anden,entstehen sah; denn diese Thatsache läßt alle die Hypothesen, die an irgend einem Punkteder heutigen Erdfeste die Urheimat des Menschengeschlechts suchen, als müßigeSpielereien erscheinen. Spielerei ist es vorläufig auch, bei unsrer Unkenntnis der eigent-lichen Anfänge der Menschheit ihr Alter bestimmen zu wollen. Schwanken doch dieSchätzungen darüber, wie weit das Ende der Eiszeit von der Gegenwart abliegt, zwischen8000 und einigen 100000 Jahren! Es ist sicher ein Mißbrauch, in solchen Fällen sofortvon Millionen und Milliarden von Jahren zu fabeln und die Unkenntnis hinter tönendenPhrasen zu verbergen — gestehen wir einfach, daß von bestimmten Zahlen schlechter-dings nicht die Rede sein kann.

Die Urgeschichte, wie schon gesagt, löst die Frage noch nicht, wie und warum sichder Körper des Menschen aus einer andern Form zu seiner jetzigen Gestalt umgebildethat; wohl aber gibt sie uns manchen Aufschluß über das Entstehen und Wachsen dermenschlichen Kultur oder — was im Grunde dasselbe ist — des menschlichen Geistes.Allen Völkern der Erde gemeinsam sind gewisse Kenntnisse und Besitztümer; die Reste derUrzeit lassen uns erkennen, wie sich diese Dinge aus einfachen Anfängen entwickelt, wiesie sich gegenseitig gestützt und gefördert haben, und so sehen wir die Bahnen der mensch-lichen Geistesentwickelung mehr oder weniger klar vor uns. Diese Entwickelung ist aller-dings nach und nach sehr ungleichmäßig geworden. Einige Völker haben selbständig dieMenge ihres Kulturbesitzes vermehrt, haben andern von ihren Schätzen mitgeteilt undneue Erkenntnisse dafür eingetauscht — diese Gruppen der Menschheit sind es, die manals Kulturvölker den übrigen stehengebliebenen, hier und da Wohl auch von einstigerHöhe herabgesunkenen, den Naturvölkern, gegenüber stellt. Freilich ist diese Trennungnicht scharf, und noch weniger ist der einzelne Angehörige eines Kulturvolkes, der reicheErbe einer langen Reihe emsiger Vorfahren, berechtigt, auf ein weniger glückliches Mit-glied der Menschheit verächtlich herabzusehen. Denn wenn auch zweifellos eine gewaltigegeistige Kraft den Kulturvölkern eigen ist, so sind doch immer nur einige Individuen dieeigentlichen Träger dieser Kraft, und neben ihnen finden sich in ungeheurer MehrzahlSchlechtbegabte, mit denen irgend ein Afrikaner oder Australneger immerhin, was dienatürlichen Anlagen betrifft, den Vergleich aushalten könnte. Nur der Drang nach be-ständiger geregelter Thätigkeit, ein Ergebnis langer Selbsterziehung, gibt fast allenKulturmenschen einen mächtigen Vorzug vor den trägen Söhnen der Wildnis.

Aber die dringenden Fragen, die wir den Erforschern der Vorgeschichte und Ge-schichte der Menschheit vorzulegen haben, sind noch nicht zu Ende. Eine seltsame Erschei-nung sehen wir wirksam, die verhängnisvoll wie ein Schicksalsspruch unabwendbaresVerderben auch unserm eignen Volkstum zu drohen scheint: Die Kultur wächst und hebtsich unaufhaltsam, aber die Kulturvölker scheinen zu altern, und von den Schultern derSchwachgewordenen gleitet der Purpnrmantel der Kultur und Weltherrschaft herab, umauf heranreifende jüngere, stärkere Völker überzugehen. Ist es ein Zufall oder ein Gesetz,daß die babylonische Tiefebene wieder znm öden Sumpfland geworden ist, wie sie es vordem Erblühen der babylonisch-assyrischen Kultur war, und daß Ägyptens Bewohner längst